Fr 28.02.2020 | 70. Berlinale | Wettbewerb - "Irradiés" | "Irradiated"

Bewertung:

"Irradiés" – das sind die Bestrahlten, die Opfer der Atombomben – Abwürfe auf Hiroshima und Nagasaki. Eigentlich. Doch der kambodschanische Regisseur Rithy Panh fasst den Begriff deutlich weiter. Er widmet seinen Dokumentar- Film allen Menschen, die im 20. Jahrhundert unter Krieg und Faschismus zu leiden hatten.

Ob das nun die jüdischen Opfer des Holocaust sind, die zwangsrekrutierten schwarzen Soldaten im ersten Weltkrieg oder die Toten des Völkermordes von Ruanda. Auch er selbst zählt zu diesen "Irradiés", ist er doch in seiner Jugend den Massenmördern des Pol Pot- Regimes entkommen.

Tryptichon des Grauens

Rithy Panh hat für den Film ein ungewöhnliches Format gewählt: Die Leinwand hat er wie ein Tryptichon in drei Abschnitte geteilt. Darauf wechseln sich Bilder des Atombomben- Abwurfs in Japan, die Killing Fields in Kambodscha und Nazi- Aufmärsche in Deutschland ab. Auch die Leichenberge von Auschwitz tauchen auf, verkohlte Leichen aus Hiroshima und verängstigte Kinder mit großen Augen. In einer Einstellung hat er Hitler, Pol Pot und Mao Tse Tung nebeneinander montiert – eine anderthalbstündige Horrorschau, unterlegt mit dräuender Cello- Musik und einem Kommentar aus dem Off, der abwechselnd von André Wilms und Rebecca Marder gesprochen wird. "Das Böse strahlt aus" heißt es da beispielsweise. "Es schmerzt auch spätere Generationen. Aber jenseits des Schmerzes liegt die Unschuld."

Nouvelle Vague und Butoh- Tanz

Später tritt dann auch noch ein Butoh- Tänzer auf, der die Grauen des Atomtods tänzerisch darstellen soll – und in einem Filmausschnitt aus den 60er Jahren macht sich die jüdische Schauspielerin Marceline Loridan auf die Suche nach ihrem in Auschwitz ermordeten Vater. "Sind sie glücklich?" fragt sie Passanten auf der Straße, die aber wenden sich genervt ab.

Weiterleben für die Menschheit

Es gehe ihm darum, den Horror des Krieges und das Leiden der Menschen niemals in Vergessenheit geraten zu lassen, erklärt Rithy Panh in der Presse- Konferenz. "Überlebt zu haben, sei unerträglich", sagt er, "aber trotzdem müssen wir weiterleben für die Menschheit!".  Ein wichtiges Anliegen – ein Anliegen aber, dass er mit seinem Film nicht erreicht.

Musealisiertes Grauen

In dem er das Grauen musealisiert und ein Stück weit sogar ästhetisiert, erreicht der Kambodschaner genau das Gegenteil dessen, was er erreichen möchte. Der Zuschauer verfällt in eine Schockstarre und wird mit immer neuen Bildern bombardiert. Was ist schlimmer? Die Atom-Pilze über Hiroshima und Nagasaki oder die Napalm-Bomben im Vietnam- Krieg? Kann man Hitler tatsächlich mit den Roten Khmer vergleichen, sind die Todeslisten von Auschwitz länger als die Opferlisten Pol Pots?

Am Ende blühen die Kirschbäume

Rithy Panh versucht diese Fragen gar nicht erst zu beantworten. Stattdessen blühen am Ende die Kirschbäume und Vögel fliegen durch die Luft, während die Musik vom düsteren Moll in ein kitschiges Dur pendelt. War da was? Ein Ärgernis.

Carsten Beyer, rbbKultur