Do 27.02.2020 | 70. Berlinale | Wettbewerb - "Rizi" | "Days"

Bewertung:

Kang lebt allein in einem großen Haus, Non in einer kleinen Stadtwohnung. Sie begegnen sich.

Kang (Lee Kang-Sheng) lebt allein in einem großen Haus in Bangkok. Er leidet unter starken Schmerzen, die er kaum ertragen kann und die seinen ganzen Körper erfasst haben. Non (Anong Houngheuangsy) hat eine kleine Stadtwohnung, in der er sich mit der Zubereitung traditioneller Speisen aus seiner Heimat Laos beschäftigt.

Einsame Seelen im Hotel

Nachdem sich Kang einer schmerzhaften Akkupunktur-Behandlung unterzogen hat, treffen die Beiden in einem Hotelzimmer aufeinander. Non verpasst Kang eine erotische Massage nach allen Regeln der Kunst, die beiden haben Sex und verabschieden sich dann genauso formlos, wie sie sich getroffen haben. Zum Abschied schenkt Kang dem jungen Mann noch eine Spieluhr, die die Melodie aus Charlie Chaplins "Limelight" spielen kann - ein kleines poetisches Element am Schluss eines äußerst lakonischen Films.

Kino für Zen- Meister

127 Minuten können sehr lang sein, wenn in diesem Zeitraum überhaupt nicht gesprochen wird. Das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis in Tsai Ming – Liangs Wettbewerbs-Beitrag "Rizi". Als zu Beginn des Films der Hinweis über die Leinwand flimmert "This film is intentionally unsubtitled" – "Dieser Film hat absichtlich keine Untertitel" sorgt das noch für Heiterkeit im Saal, doch das Lachen bleibt den Zuschauern bald schon im Halse stecken: Zwei Stunden ohne jeden Dialog, ohne Filmmusik, mit wenigen Schnitten und langen, statischen Einstellungen, das ist Kino für Zen- Meister, aber nicht für ein europäisches Festival-Publikum.

Heruntergekommene Stadtlandschaften

Ab und zu werden dann doch mal irgendwo ein paar Worte gewechselt, aber die Stimmen kommen aus dem Off und das Gesagte wird nicht übersetzt. Dazu zeigt die Kamera Bilder von heruntergekommenen Stadtlandschaften: eine Straßenkreuzung, ein Markt, eine Häuserwand. Das ist durchaus pittoresk anzuschauen, doch irgendwann hat man sich auch daran irgendwann sattgesehen.

Kino als Geduldsprobe

In Tsai Ming – Liangs Filmen wird Kino zur Geduldsprobe. Das hat er schon in Filmen wie "Vive l’amour", "The River" und "Stray Dogs" gezeigt, die alle mit großem Erfolg auf A-Festivals liefen. Doch nun, in seinem 11. Film ist er zu weit gegangen: Ohne Drehbuch und ohne Plan dümpelt das Geschehen dahin, bis es zu der Begegnung der beiden Protagonisten im Hotelzimmer kommt. Der Geschlechtsakt, gedacht als Erleichterung für zwei einsame Seelen, wirkt auf den Zuschauer geradezu obszön. Zwei Menschen beim Sex zuzusehen, über die man nichts weiß, die offenbar auch nichts voneinander wissen wollen, das ist der reine Voyeurismus.

Im Wettbewerb fehl am Platz

In der Pressekonferenz nach dem Film sagt Tsai Ming – Liang, dass es ihm vor allem darum ging, die (reale) Krankheit seines Lieblingsschauspielers und Freundes Lee Kang- Sheng zu dokumentieren, ohne dass er daraus einen Film machen wollte. Als er dann in Bangkok Anong Houngheuangsy kennenlernte, kam ihm die Idee zu einer gemeinsamen Geschichte, einer Mischung aus Dokumentarfilm und Spielfilm, ohne Drehbuch und ohne Dialoge. Für das experimentelle Berlinale – Forum oder die neue Berlinale – Sektion "Encounters" mag dieser Ansatz genügen, im Spielfilm-Wettbewerb ist dieser Film aber definitiv fehl am Platz.

Carsten Beyer, rbbKultur