Fr 28.02.2020 | 70. Berlinale | Wettbewerb - "Sheytan vojud nadarad" | "Es gibt kein Böses"

Bewertung:

Repressalien machen erfinderisch

Ganz zum Schluss der Berlinale musste leider mal wieder ein Stuhl freibleiben, denn wie zuletzt der iranische Regisseur Jafer Panahi durfte nun auch sein Regiekollege Mohammad Rasoulof nicht ausreisen, um seinen Film in Berlin zu präsentieren. Seinen letzten Film "A Man of Integrity" konnte er 2017 in Cannes noch präsentieren, doch bei der Einreise in sein Heimatland wurde ihm der Pass abgenommen, die Umsetzung einer einjährigen Haftstrafe steht noch aus und Filme darf er offiziell nicht drehen.  Doch der Druck hat die iranischen Regisseure erfinderisch gemacht. "There is no Evil" besteht aus vier Episoden, die seine Assistenten für ihn als Kurzfilmprojekte eingereicht haben, weil die unter dem Radar der Zensur entstehen können. Nur eine der Episoden spielt in Teheran, wo es für Rasoulof schwerer ist, sichtbar auf den Straßen zu drehen. Die anderen drei sind in abgelegenen Landschaften gedreht.

Persönliche Erfahrungen

Verbunden sind die vier Filme durch den roten Faden einer moralisch ethischen Frage: Unter welchen Umständen und zu welchem Preis kann man in einem totalitären Staat seine Integrität und Freiheit bewahren. Konkret geht es um Soldaten, die die Todesstrafe vollstrecken müssen: Ist es wirklich nur ein Befehl, den man befolgt, wenn man den Stuhl unter einem zum Tode Verurteilten wegzieht, dafür aber doch persönliche Vorteile gewinnt, eine größere Reisration oder ein paar Urlaubstage? Auf virtuose, eindringliche und immer wieder sehr berührende Weise spielt der Film diese Frage unter verschiedenen Vorrausetzungen durch. Dabei geht es nicht nur um die konkrete Situation in Iran, sondern um universelle Fragen, die sich auch im Nationalsozialismus, Stalinismus, in der DDR oder in allen anderen Diktaturen weltweit stellen. Dennoch basieren alle Filme auf persönlichen Erlebnissen des Regisseurs, so ist Rasoulof beispielsweise mal zufällig auf der Straße einem der Männer begegnet, die ihn verhört hatten, er folgte ihm und stellte fest, das ist ein ganz normaler Ehemann und Vater, der Einkäufe tätigt, mit seiner Frau streitet und mit der Tochter Pizza essen geht.

Die große Stärke des Films ist, dass er sich kein Urteil anmaßt. Jeder von uns müsse ständig immer wieder entscheiden, mal im Großen, mal im Kleinen, ob er oder sie, ja oder nein sage, bekundete der iranische Produzent des Films.

 Ja, es kann Gründe geben, ja zu sagen, aber wenn man sich für „ja“ entscheide, solle man es bewusst tun. Rasoulof selbst hat sich längst entschieden, zusammen mit allen anderen, die vor und hinter der Kamera an diesem Film beteiligt sind und Risiken eingegangen sind. Doch "There is no evil" ist kein Thesenfilm, sondern ein visuell und erzählerisch kraftvolles Kunstwerk, mit atemraubenden Bildern, in wunderschönen Landschaften,  ein sumpfiges Flussbett mit malerisch bemoosten Bäumen, mannshohe Gräser vor hellgrüne Büschen, weich geschwungene Berge, im Nebel liegende Wälder. Auch auf dieser Ebene ist der Film eine Liebeserklärung an das Land, um das Rasoulof kämpft. Unbedingt bärenwürdig! 

Anke Sterneborg, rbbKultur