Mo 24.02.2020 | 70. Berlinale | Wettbewerb - "Siberia"

Bewertung:

Der letzte, gerade in unseren Kinos angelaufene Film von Abel Ferrara, "Tommaso und der Tanz der Geister" war eine sehr persönliche Reflexion des amerikanischen Regisseurs über sein neues Leben in Rom als Ehemann und Vater einer kleinen Tochter. Auch "Siberia" ist autobiografisch gefärbt und stark improvisiert, dabei aber sehr viel bildgewaltiger und symbolträchtiger.

Ein Trip durch Träume und Erinnerungen

Der alternde Amerikaner Clint hat sich mit fünf Huskies in einer einsamen Holzhütte in den verschneiten Bergen zurückgezogen. Vereinzelte Gäste, deren Sprache Clint nicht versteht kehren ein, trinken Tee oder Schnaps, ein Inuit, eine alte Russin mit einer hochschwangeren jungen Frau. Davon ausgehend beginnt eine assoziative Reise durch Träume und Erinnerungen, durch mythische Landschaften, in den Bergen, in der Wüste, im Wald.

Clint begegnet seiner Ex-Frau, die ihn zur Rede stellte, einem Schamanen, der ihn herausfordert, seinem Vater und sich selber als Kind. Mal rutscht er in die Tiefen einer Höhle, mal stürzt er die Klippen eines Berges herunter, mal ziehen seine Huskies den Schlitten durch den Schnee, dann durch die Wüste.

Der Schauspieler als Alter Ego des Regisseurs

Zusammengehalten werden diese vielen verschiedenen Eindrücke und Motive durch die magnetische, ruhige Präsenz von Willem Dafoe, der sich nach sechs gemeinsamen Filmprojekten in den letzten zwanzig Jahren zum Art Alter Ego des Regisseurs entwickelt hat.

Statt eines Drehbuchs waren nur die Stationen der Reise vorgegeben, den Film bezeichnet Willem Dafoe auf der Pressekonferenz Work in Progress, der gemeinsam erarbeitet und nicht so sehr gespielt als vielmehr gelebt wurde. Nach der skizzenhaften Selbstreflexion von "Tommaso und der Tanz der Geister" ist "Siberia" wieder eine Rückkehr zur stilistischen Kraft der früheren Filme von Abel Ferrara.

Anke Sterneborg, rbbKultur