Mi 26.02.2020 | 70. Berlinale | Wettbewerb - "The Roads Not Taken"

Bewertung:

Die britische Regisseurin ist Stammgast der Berlinale, zuletzt war sie 2017 mit ihrem Film "The Party" im Berlinale-Wettbewerb vertreten. Ihr neuer Film ist prominent besetzt, mit Javier Bardem, Salma Hayek, Elle Fanning und Laura Linney. Es geht um eine Tochter, die mit einem dementen Vater ringt, ein Thema, das für Sally Potter persönliche Bezüge hat, denn sie hat Ähnliches mit ihrem Bruder durchgemacht.  

Demenz als erzählerischer Kniff

"The Roads not Taken", die Straßen die man nicht gegangen ist, die Entscheidungen, die man nicht getroffen hat: Sally Potter sieht Demenz als Chance für eine Reise durch Zeit und Raum, durch  Erinnerungen und alternative Lebenswege, womit ihr Film einen ähnlichen Ansatz hat wie Abel Ferraras "Siberia", auf andere Weise ebenfalls ein Trip durchs eigene Leben ist. Javier Bardem verkörpert den in New York lebenden Schriftsteller Leo, der zwischen drei Versionen oder Stationen seines Lebens wechselt.

In der Gegenwart dämmert er in einem kargen Zimmer auf dem Bett, ist in sich zurückgezogen, schwer erreichbar, für seine erwachsene Tochter, die sich um ihn kümmert. Immer wieder verabschiedet er sich, schlüpft wie Alice im Wunderland in alternative Geschichten ab, die zugleich Erinnerungen an frühere Lebensphasen sind. In einer orangeroten Welt ist er mit einer von Salma Hayek gespielten Frau verheiratet, mit ihr verbindet ihn ein unverarbeitetes Trauma, ein großer Verlust. In einer weiteren, blauen Lebensphase ist er als einsamer Schriftsteller in Griechenland auf der Suche nach dem Schluss für einen Roman.

Diese verschiedenen Erzählebenen durchdringen sich, fließen auf elegante Weise ineinander, nur wirkt das leider eher wie ein stilistischer Kunstgriff. Wirklich zu berühren vermag diese Geschichte leider nie. Und Javier Bardem wirkt als Schauspieler im Film genauso gefangen wie als Schriftsteller in der Fiktion, fast wie ein Schatten seiner selbst. Erschwerend kommt hinzu, dass Elle Fanning zwar eine wunderbare junge Darstellerin mit vielen Facetten ist, aber als Tochter des südländischen Javier Bardem geht sie beim besten Willen nicht durch. So ist dieser Film einer sehr geschätzten Regisseurin dann doch eher eine Enttäuschung.

Anke Sterneborg, rbbKultur