Das verlorene Wochenende, Blu-ray, Billy Wilder, Vocomo Movies
Bild: Vocomo Movies

DVD Tipp - "Das verlorene Wochenende"

Bewertung:

Billy Wilder ist vor allem für seinen schlagfertigen Witz bekannt, den man aus Komödien, wie "Manche mögen’s heiß" mit Marilyn Monroe, "Eins Zwei Drei" mit Horst Buchholz oder "Sabrina" mit Audrey Hepburn kennt. Doch ganz am Anfang seiner Karriere drehte er den ersten Film, der sich intensiv mit dem Thema Alkoholsucht auseinandersetzte. "Das verlorene Wochenende" mit Ray Milland und Jane Wyman in den Hauptrollen wurde 1945 mit vier Oscars ausgezeichnet und war für drei weitere nominiert. Das Label Vocomo Movies bringt ihn jetzt zum Start einer umfangreichen Edition mit Filmen von Billy Wilder zum ersten Mal im deutschsprachigen Raum auf Blu-ray heraus.

Ganz langsam nähert sich die Kamera von außen dem Fenster einer New Yorker Wohnung, in der ein Mann seinen Koffer packt. An der Außenwand des Hauses baumelt an einer Schnur festgebunden eine angebrochene Flasche Whiskey. Schon in der ersten Einstellung seines vierten Spielfilms erweist sich Billy Wilder als virtuoser Erzähler, der für das Leiden an der Sucht, für die Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit, Absicht und Tun vielschichtige und subtile Bilder findet. Don Birnam bereitet sich auf ein Viertage-Wochenende auf dem Land mit seinem Bruder vor, eine Ablenkung nach einem zehntägigen Alkoholentzug.

Roman nie beendet, aber die Sucht in wunderbare Worte verfasst

Misstrauen, Angst und Zweifel schwingen fortan in allen Gesprächen mit, aus denen sich die lange Suchtgeschichte des erst dreißjährigen, erfolglosen Schriftstellers Don Birnam erschließt. Einen Roman hat er zwar nie beendet, doch seine Sucht fasst er immer wieder in wunderbare Worte, zum Beispiel wenn er kurz darauf, nach der verpassten Abfahrt ins Wochenende vor dem Barkeeper über die Whiskeyränder seiner Gläser auf dem Tresen sinniert: "Nicht wegwischen! Lassen Sie mir meinen kleinen Teufelskreis. Der Kreis ist die vollkommene geometrische Figur, kein Ende, kein Anfang..." Oder auch, wenn er etwas später die Wirkung des Alkohols beschreibt: "Ein kleiner Fingerhut der Träume. Aber was ist mit meinem Kopf? Was passiert da? Ich habe die Sandsäcke über Bord geworfen und der Ballon kann steigen und er steigt bis ich oben bin, hoch über dem Alltag..."

Die Sucht wird nicht beschönigt

Aller Poesie zum Trotz wird die harte Wahrheit der Sucht in den wunderbar geschliffenen Dialogen nie beschönigt. Geschrieben hat sie der vielfach für den Oscar nominierte und dreifach ausgezeichnete Drehbuchautor Charles Bracket, mit dem Billy Wilder eine kongeniale Zusammenarbeit verband. Aber auch der Soundtrack von Miklos Rosza übernimmt eine wichtige Rolle als Erzähler. Die Musik vermittelt den ebenso verführerischen wie unheilvollen Sog, den der Alkohol auf einen Süchtigen ausübt, die Versuchung, die ihn immer wieder vom Weg abbringt, wenn er unter Druck gerät, ebenso wie seine verzweifelte Jagd nach dem nächsten Drink, und schließlich das Drama des Absturzes.

Billy Wilder hat seinen Star mit versteckter Kamera eingefangen

Ray Milland spielt das Driften zwischen Rausch, Kater und Entzug ganz wahrhaftig und mutig in allen Nuancen aus, ganz ohne die üblichen Alkoholismus-Klischees. In einer Zeit, in der Filme noch vorwiegend im Studio gedreht wurden, hat Billy Wilder seinen Star auf den authentischen Straßen von New York mit versteckter Kamera eingefangen. Mit seinem zunehmenden Verfall verdüstern sich auch die eindringlichen Schwarz-Weiß-Bilder der berühmten Stadt. Immer wieder findet Wilder starke Bilder, zum Beispiel wenn das Delirium Tremens einsetzt, und sich eine kleine Maus durch die Wand in Don Birnams Zimmer nagt, um anschließend von einer imaginären Fledermaus angegriffen zu werden, bis ihr Blut an der Wand herunterläuft.

Die Co-Abhängigkeit des Bruders und der Freundin werden auch thematisiert

Oder wenn auf der Alkoholiker-Station die Schatten eines Gittermusters das Krankenhaus zum Gefängnis stilisieren. Auch die aussichtlose Co-Abhängigkeit des Bruders und der Freundin werden thematisiert. Am Ende steht die Hoffnung, die in einem fragilen Happy End aufschimmert, und der Entschluss des Schriftstellers, seine Wochenenderlebnisse literarisch zu verarbeiten, als Hilfestellung für andere: "Und wenn ich jetzt hinausschaue über den Dschungel aus Steinen und Zement, dann frage ich mich, wie es da wohl gibt, die so sind wie ich, arme Kerle, die vor Durst verkommen und die nicht merken dass draußen das Leben vorbeigeht, während sie von einer Bar in die andere taumeln, und von einem Rausch in den anderen ..."

Anke Sterneborg, rbbKultur

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