Sandrine Kiberlain und Thaïs Alessandrin in "Ausgeflogen"
Bild: David Koskas

Filmtipp - Lisa Azuelos: "Ausgeflogen"

Bewertung:

Der eingedeutschte Begriff "Empty-Nest-Syndrom" beschreibt die Trauer, die Eltern befällt, wenn ihre knapp erwachsenen Kinder das Haus verlassen. Genau darum geht es in "Ausgeflogen", dem neuen Film der französischen Drehbuchautorin und Regisseurin Lisa Azuelos.

Ihren großen Durchbruchhatte Lisa Azuelos vor gut zehn Jahren mit "LOL", einer Geschichte über die Liebe und das Leben von Teenagern, mit der sie der Flut amerikanischer Teenie-Filme etwas genuin Französisches entgegensetzen wollte.

Alltagsthemen auf der großen Leinwand

Lisa Azuelos sagt von sich selber, dass sie keine Fantasie habe und darum nur Filme mit autobiografischen Bezügen machen kann. Aber sie möchte auch Alltagsthemen, von denen im Kino normalerweise nicht erzählt wird, auf die Leinwand holen.

Statt großen Dramen spürt Azuelos eher die alltäglichen Probleme des Lebens auf. Nachdem sie in "LOL" ihr Leben mit Teenager-Mädchen verarbeitet hat, geht es jetzt um den Ablösungsprozess von der letzten Tochter.

Das Besondere ist, dass die Filmtochter von Lisa Azuelos eigener Tochter Thais Allessandrin gespielt wird, die auch beim Drehbuch mitgearbeitet hat. Die Ablösung wird also aus doppelter Perspektive erzählt, in allen Facetten von Freiheitsdrang und Trennungsschmerz.

Alles was im Film erzählt wird, sei auch im Leben passiert, sagt Azuelos, dennoch ist "Ausgeflogen", im Original "Mon Bébé" keine Dokumentation und kein Home Movie. Die persönlichen Erlebnisse sind auf Kinoformat gebracht, in fein komponierten Bildern, mit bewusst gesetztem Licht und liebevoller Ausstattung.

Sandrine Kiberlain in "Ausgeflogen"
Bild: Alamode Film

Das Leben als sanfte Komödie

Ausgeflogen ist eine sanfte Komödie über die Fallstricke des Lebens, ganz zurückhaltend und fein austariert.

Heloise ist - wie die Regisseurin - alleinerziehende Mutter von drei Töchtern. Zwei davon sind schon aus dem Haus, als sich ihre Jüngste nach dem Abitur anschickt, ausgerechnet in Kanada zu studieren, kämpft sie gegen das Gefühl an, mit einem Schlag ausrangiert zu werden. Während sie versucht, sich mit der Trennung zu arrangieren und eine neue Struktur für ihr Leben zu finden, wird in Rückblenden die Familiengeschichte aufgerollt, lauter wichtige, emotionale Erlebnisse mit der Tochter, vom Moment der Geburt, über die Kindheit bis zur Gegenwart.

Alter Ego gesucht

In Sandrine Kiberlain hat Lisa Azuelos die perfekte Verbündete gefunden, eine Schauspielerin mit rotblondem Haar, Sommersprossen und kantigen Zügen, die weniger Glamourstar als normale Frau von nebenan ist.

Sie wirkt auf warmherzige Weise komisch und hat auch mit 51 Jahren immer noch eine sehr mädchenhafte und völlig ungekünstelte Erscheinung. Mühelos wechselt sie von luftig leichten Albereien und überdrehten Aktionen zu menschlicher Tiefe und berührender Verletzlichkeit. Mit all diesen Eigenschaften verleiht sie dieser im Grunde ganz alltäglichen Geschichte einen ganz besonderen Zauber.

Anke Sterneborg, rbbKultur

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