Prélude; © X-Verleih
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Drama - "Prélude"

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"Prélude" – in der Musik so viel wie Auftakt, Vorspiel – heißt der Erstlingsfilm der Deutsch-Iranerin Sabrina Sarabi. Es geht um die Schönheit der Musik, um die Liebe zur Musik. Vor allem aber geht es um die immensen Herausforderungen, die man als Musiker bestehen muss, wenn man ganz vorne mitspielen möchte.

Erzählt wird die Geschichte eines jungen Pianisten – ehrgeizig, ambitioniert, talentiert. Er träumt von einer internationalen Karriere, wird dabei von seiner strengen Professorin ermuntert, so dass er sich realistische Hoffnungen macht. Bis zu einem entscheidenden Vorspiel bei dem ein Lehrer ihn vorführt, demütigt – es ist der Anfang eines tragischen Scheiterns: das Prélude …

Der Gemütszustand dieses jungen Musikers wird dunkler, er wird zunehmend anfälliger für Geräusche. Ob es sich dabei um das Metronom handelt oder das Klacken des Tischtennisballs vor seinem Fenster. Diese steigende Sensibilität spiegelt sich auch in seiner Körpersprache: sein Ausdruck verhärtet sich, der malmende Kiefer, der unruhige Blick. Dazu kommt eine Art Autodestruktion: David verletzt sich selbst, schraubt sich beim Üben immer höher und höher.

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Spiel an der Grenze

Spannend ist die Figurenkonstellation: Da ist seine Professorin – die wunderbare Ursina Lardi, die hier zeigen kann, wie sehr sie das Klavier beherrscht – und ein junges Pärchen. Der Junge ist sein größter Konkurrent, in das Mädchen wird David sich verlieben: Liv Lisa Fries ("Berlin Babylon") spielt sie so frivol wie kühl.

Auch wenn diese beiden Nächte miteinander verbringen, die eigentliche Erotik findet am Klavier statt, wenn die Professorin ihrem Elèven über die Hand streicht, ihn anschaut, ihn rügt, herausfordert. Es ist ein permanentes Spiel an der Grenze zwischen Absturz und Aufstieg, Lob und Tadel. Für David ist es eine Gratwanderung zwischen Leben und Tod.

Die Welt der Klassik

Louis Hofmann spielt diesen David und "Prélude" ist ein Mosaikstein mehr in seiner wirklich beispiellosen Karriere. An Hofmann kommt man im Jahr 2019 nicht mehr vorbei. Es ist nicht die erste Hauptrolle in einem Kinofilm: "Freistatt", "Unter dem Sand", "Die Mitte der Welt" – in der Netflix-Serie "Dark" spielt er die zentrale Figur und demnächst ist er in Christian Schwochows "Deutschstunde" sowie in Ralph Fiennes Biopic über Nurejew "White Crow" zu sehen.

Hier in "Prélude" übernimmt er die Rolle des ehrgeizigen jungen Pianisten, ohne je vorher Klavier gespielt zu haben, ohne eine Note lesen zu können. Doch die Regisseurin wollte ihn und er wollte diese Rolle. So bekam er Klavierunterricht und wie seine Figur gab er alles: Bis zu sechs Stunden am Tag soll Louis Hofmann geübt haben, um "echt" spielen zu können. Das ist sein Anspruch. Authentizität.

Thematisch erinnert "Prélude" an "Whiplash", in dem ein junger Jazz-Schlagzeuger von seinem Prof bis zum Exzess gequält wird. Hier ist es die Welt der Klassik. Die Professorin ist eher sanft als cholerisch – doch: der Unterschied ist marginal. In seinem Setting erinnert "Prélude" an Achim von Borries Liebesgeschichte "Was nützt die Liebe in Gedanken" erinnert. Auch hier scheinen die Figuren so aus der Zeit gefallen.

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Eine eigene Bildsprache

Der Film ist sehr ambitioniert, toll gespielt und doch: So wie die Hauptfigur David immer mehr an Halt verliert, verliert er irgendwann seine Mitte. Für den Zuschauer entscheidende Momente werden übersprungen, man fühlt sich außen vor. Aber Sabrina Sarabi weiß, was sie erzählen will und weiß, wovon sie spricht: Sie ist selbst Musikerin und hat an Hochbegabtenprogrammen teilgenommen.

Jetzt als Regisseurin hat sie nicht nur eine eigene Bildsprache, sondern auch ein überzeugendes auditives Konzept gefunden, um das Innenleben solch einer Musikerseele einzufangen. Das letztendlich über sich hinausweist in der Angst, die wir wohl alle kennen: nicht gut genug zu sein.

Christine Deggau, rbbKultur

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