Wenn die Gondeln Trauer tragen / DVD
Bild: Arthaus

DVD Tipp - "Wenn die Gondeln Trauer tragen"

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1973 verwandelte der britische Regisseur Nicholas Roeg eine Kurzgeschichte von Daphne du Maurier in einen Klassiker der Kinogeschichte, einen Film, der zugleich Psychothriller, übersinnliches Drama und Horrorfilm war. Neben Donald Sutherland und Julie Christie spielte die Lagunenstadt Venedig die dritte Hauptrolle. Zum 25-jährigen Bestehen des Labels Arthaus ist der Film jetzt in einer aufwendig restaurierten Version als Media Book mit vielen Bonusmaterialien erschienen.

John und Laura Baxter sitzen drinnen im gemütlichen Wohnzimmer eines englischen Herrenhauses, während draußen in der herbstlichen Landschaft ihre Kinder spielen. Doch die friedliche Szene ist von Anfang an auf unterschwellige Art mit düsteren Vorahnungen aufgeladen, der Regen prasselt, Donner grollt aus der Fern, die Tochter hüpft im roten Lackmäntelchen über die Wiesen, der Junge fährt mit dem Fahrrad über eine Glasscheibe. Innen recherchiert die Mutter (Julie Christie), um ihrer Tochter eine Frage beantworten zu können: Warum ist die Erde rund, gefrorenes Wasser aber glatt?

Und dann sagt Donald Sutherland schon in der vierten Minute den Satz, der den ganzen Film charakterisiert: "Nichts ist was es scheint."
Bevor sich die kommende Tragödie manifestiert, breitet sich bereits ein diffuses Gefühl der Unruhe aus. Der Vater stürzt nach draußen, kann aber das Leben seiner Tochter nicht mehr retten, sie nur noch leblos aus dem Wasser bergen.

Venedig als dritter Hauptdarsteller

Danach, ohne weitere Erklärung, ein Szenenwechsel: Das Paar hält sich in Venedig auf, wo John Baxter alte Kirchen restauriert. Die Trauer, die ihr Leben überschattet, ist geradezu greifbar, ohne dass ein Wort darüber fällt. Und dann schleichen sich immer mehr düstere Ahnungen in die Erzählung, angefangen mit dem Grauen, das von einer Mordserie ausgeht, die Venedig erschüttert, vor allem aber mit einer unheimlichen Blinden, die zusammen mit ihrer Schwester überall auftaucht, tröstliche Nachrichten für die trauernde Mutter verkündet, in Trance aber auch beunruhigende Warnungen für die Zukunft ausspricht.

Auflösung aller Sicherheiten

Auf raffinierte Weise schürt Nicholas Roeg die unterschwelligen Ängste: in Bildern, die von der Auflösung aller Sicherheiten erzählen, in Reflexionen in Glasscheiben und auf Wasserflächen, in der Patina des Verfalls auf den Oberflächen der Gebäude, und im Spiel mit der Farbe Rot, die sich ausgehend vom Lackregenmäntelchen des Kindes wie eine Blutspur durch den ganzen Film zieht. Dazu kommt eine Tonspur, auf der im Grunde ganz alltägliche Geräuschen einen unheimlichen Klang haben, die widerhallenden Schritte in den Kopfsteinpflastergassen Venedigs, das Flattern und Gurren von Tauben, das Miauen einer Katze, tropfendes Wasser, das Knarzen des Holzes, an dem ein Seil baumelt.

Nicholas Roeg beherrscht die hohe Kunst der visuellen Erzählung, die vieles auf geheimnisvolle Weise mitschwingen lässt, ohne es aussprechen zu müssen. Im Bonusmaterial schwärmen große Meister des Kinos wie Danny Boyle oder Brad Bird von der subtilen Raffinesse seines Erzählen, darunter auch David Cronenberg:

"Genau genommen gibt es kaum eine Szene, die man wirklich als Horror bezeichnen könnte. Im Grunde sind das ganz banale, alltägliche Szenen, denen Nicholas Roeg nur einen unheimlichen, furchteinflößenden Tonfall gibt. Es ist wie in einem Traum: Wenn man später versucht, ihn zu beschreiben, ist es sehr schwer wiederzugeben, was so furchterregend war. Das Grauen liegt nicht in dem was passiert, sondern nur im Tonfall."

Eine der aufregendsten Liebesszenen der Filmgeschichte

"Wenn die Gondeln Trauer tragen" ist vieles zugleich: Ein Psychothriller um einen Serienmörder. Eine übersinnliche Geistergeschichte mit einer blinden Seherin, die eine unheimliche Präsenz hat. Eine Liebeserklärung an die Stadt Venedig, in deren fluiden Oberflächen sich mit den Gewissheiten des Sehens auch alles andere auflöst. Und es ist ein Film über eine langjährige, innige Beziehung, die sich in vielen kleinen Gesten am Rande erfüllt, aber auch in einer der schönsten Liebesszenen des Kinos.

In einer furiosen Montage verwebt Nicholas Roeg die innige Verschmelzung der Liebenden schon mit der Trennung danach, die nackten Körper bereits mit dem Wiederankleiden, den Vorbereitungen fürs gemeinsame Ausgehen. Es gibt viele Gründe, diesen Film immer wieder anzuschauen.

Anke Sterneborg, rbbKultur

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