Die Regenschirme von Cherbourg von Jaques Demy
Bild: Arthaus

DVD Tipp - "Die Regenschirme von Cherbourg"

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Längst ist die Schauspielerin Catherine Deneuve eine Ikone des französischen Kinos geworden. Berühmt für ihre unnahbar kühle Ausstrahlung hat sie doch immer wieder extreme Herausforderungen gesucht, um dieses Bild zu erschüttern, mit Regisseuren wie Luis Bunuel, Roman Polanski oder Lars von Trier.

Wirklich lebendig gefühlt hat sie sich nach eigener Aussage zum ersten Mal in ihrer Karriere in der Arbeit mit Jacques Demy, der sie mit 19 Jahren in seinem Musical "Die Regenschirme von Cherbourg" besetzt hat. In restaurierter Fassung erstrahlt die Liebesgeschichte von Guy und Genevieve jetzt beim Label Arthaus wieder in den schönsten Farben. Wir laden zum Schwelgen ein!

Pastelltöne und Primärfarben

Schon das Cover des Films schmeichelt in den schönsten Pastelltönen, Hintergründe aus pudrigem Rosa und hellem Himmelblau, Regenschirme und Stöckelschühchen in sanftem Sonnengelb und mildem Rot. Die erste Einstellung zeigt einen kopfsteingepflasterten Platz von oben, auf den friedlich der Regen prasselt.

Rhythmisch durchkreuzt wird er von Menschen unter mit bunten Regenschirmen, Primärfarben wechseln mit Pastelltönen, es sind die gesammelten "Parapluies de Cherbourg", einer kleinen Hafenstadt, idyllisch gelegen im Norden der Normandie. Dann nach vier Minuten, ein harter Wechsel in Rhythmus, Tempo und Farben, zu dynamischen Bigband-Klängen erstrahlt die Autowerkstatt des Ortes in leuchtenden Kontrasten von Rot, Blau und Weiß, in der malerischen Patina eines Ortes an dem seit Jahrzehnten mit Maschinenöl und Schmiere hantiert wird.

Ein Kunde holt singend sein Auto ab und einen Moment lang muss man sich daran gewöhnen, dies ist kein Musical, in dem die Menschen ab und zu mal  unvermittelt ins Singen und Tanzen ausbrechen, nein, hier wird jeder banale Satz des Alltags gesungen, auch von den Männern in der Werkstatt: "Ist mein Auto fertig?" fragt der Kunde. "Ja, der Motor rasselt noch etwas, das ist normal, wenn er kalt ist...." erwidert der Mechaniker. Danach wieder ein Schauplatzwechsel, in den Regenschirmladen von Madame Emery, der verwitweten Mutter der von Catherine Deneuve verkörperten Genevieve. Auch die Regenschirme werden singend verkauft: "Was wünschen Sie?" Einen Regenschirm, einen schwarzen...

Hommage an die großen Zeiten des Hollywood-Musicals

Das Geschäft ist ein reines Fest der Farben. Tapeten und Wandfarben des Ladens sind kunstvoll auf die Kostüme der Inhaberinnen abgestimmt. Wenn Catherine Deneuve eine pinkfarbene Strickjacke trägt, bewegt sie sich vor einer pink und grün gestreiften Tapete, auch das Blumenmuster ihres Kleides korrespondiert im nächsten Zimmer mit den geblümten Tapeten, eine orangepink gemusterte Jugendstiltapete kontrastiert mit der dunkellila Wandfarbe daneben und harmoniert mit einem himbeerroten Kostüm und die Gemüse und Kräuter auf dem Fensterbrett der Küche sind malerisch zum Stillleben arrangiert.

Irrwitzige Brechungen

Das Überraschende an diesem Film, ist die Art wie Jacques Demy das banal Alltägliche überhöht, wie er die Gesetze des Hollywood-Studio-Musicals auf die authentischen Originalschauplätze einer französischen Kleinstadt anwendet. Und wie er die Liebe zwischen dem Automechaniker Guy und der Regenschirmverkäuferin Genevieve romantisiert und zugleich auf den Boden der Tatsachen zurückholt.

So schmachten sich die beiden am Anfang in den schönsten Liebesbeschwörungen an, mein Liebster mein Liebster, ich liebe dich ich liebe dich.... Doch dann: Frankreich kämpft im Algerienkrieg, Guy wird eingezogen, lange hört Genevieve nichts von ihm. Ihr Schmerz entfärbt die Szenerien, mit trauriger Miene steht sie am Fenster, das von weißen Vorhängen gerahmt ist, draußen schneit es, sie trägt eine elfenbeinweiße Strickjacke über einem hellblauen Kittelkleid.

Das Leben ist keine Kinogeschichte, es zwingt zu Kompromissen, Genevieve ist schwanger und nimmt den Antrag eines wohlhabenden Diamantenhändlers an. Vielleicht kann Happy End auch einfach heißen, dass man sich friedlich mit den Gegebenheiten arrangiert und sich in einem neuen, moderaten Glück einrichtet.

Ein mit vielen Preisen ausgezeichneter Kinotraum

"Die Regenschirme von Cherbourg" ist die Erfüllung eines irrwitzigen Kinotraums. Möglich wurde er erst, nachdem Jacques Demy mit seinem schwarzweißen Debütfilm "Lola" überzeugt hatte. Der Erfolg der Regenschirme gab ihm recht, bei der Premiere auf dem Festival in Cannes 1964 wurde das aufwendig ausgestattete und intonierte Musical mit drei Preisen ausgezeichnet, es folgten fünf Nominierungen bei den Oscars, nicht nur als bester fremdsprachiger Film, sondern auch für das Drehbuch sowie die von Michel Legrand komponierte Musik. Und für das Lied, das die beiden zum Abschied am Bahnhof singen: "Mein Geliebter, ich warte mein ganzes Leben auf dich, ich denke immer an dich, bleib, geh nicht fort..."

Anke Sterneborg, rbbKultur

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