Gelobt sei Gott: Alexandre Guérin (Melvil Poupaud); © Pandora Film
Bild: Pandora Film

Drama - "Gelobt sei Gott"

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"8 Frauen", "Swimmingpool", "Das Schmuckstück": In den Filmen von François Ozon geht es meistens um schöne Frauen, die schöne Dinge tun. Im Zentrum seines neuesten Films stehen dagegen Männer, die sich mit ausgesprochen unschönen Dingen befassen.

"Gelobt sei Gott" feierte seine Premiere im Wettbewerb der letzten Berlinale, wo er mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet wurde. Der Titel ist ausgesprochen vieldeutig, denn es geht um Missbrauchsvorwürfe in der katholischen Kirche. Ein heißes Eisen, an das Ozon zunächst ganz unspektakulär, fast spröde herangeht.

Verschüttete Erinnerungen brechen hervor

Eine gläubige Familie in Lyon, der rund vierzigjährige Alexandre (Melvil Poupaud) mit Frau und fünf Kindern, im Alltag, zuhause und beim sonntäglichen Kirchgang. Aus dem Off ist Alexandres Stimme zu hören, wie er berichtet, von der Frage eines früheren Schulkameraden völlig aus der Bahn geworfen zu sein: Wurde auch er damals bei den Pfadfinderreisen vom Pastor befummelt?

Ganz plötzlich bricht die Mauer auf, die er um lang verschüttete Kindheitserlebnisse in der Kirchenjugend gebaut hat. Alexandre beginnt zu recherchieren und stellt entsetzt fest, dass der Pfarrer noch immer im Amt ist, dass es viele Opfer des Pfarrers gibt, die zunächst aber wenig Lust haben, sich und ihre Familien zu exponieren. Doch dann gründen die erwachsenen Männer eine Aktionsgruppe gegen das Schweigen, gegen die Schuld und die Scham. Sie treten an die Öffentlichkeit, bringen die Presse und Anwälte ins Spiel.

Gelobt sei Gott: Kardinal Barbarin (François Marthouret) bei der Firmung von Alexandres Sohn Gauthier Guérin (Max Libert); © Pandora Film
Bild: Pandora Film

Ein ungewöhnliches Thema für den Frauenregisseur Ozon

Zum ersten Mal verfilmt Ozon eine Geschichte, die sich aus den aktuellen Nachrichten speist. Angefangen hat alles damit, dass er unter dem Arbeitstitel "The Crying Man" einen Film über männliche Verletzlichkeit drehen wollte, für die es sonst in der Gesellschaft und im Kino wenig Raum gibt.

Bei seinen Recherchen stieß er auf die Website "La Parole Libérée" (übersetzt: die befreite Rede), auf der die im Kirchenumfeld missbrauchten Männer alle Informationen, Briefwechsel, Artikel und Aussagen zusammentragen und öffentlich machen. Zunächst wollte Ozon ein Theaterstück schreiben oder einen Dokumentarfilm drehen, was jedoch schwer umzusetzen war, da die Betroffenen nicht mehr vor die Kamera treten wollten. Darum ein Spielfilm.

Keine verfilmte Historie, sondern brandaktuelle Ereignisse

Gedreht wurde der Film, als das Verfahren gegen Kardinal Philippe Barbarin, wegen Vertuschung ihm bekannter Missstände und wegen unterlassener Hilfeleistung noch lief. Den Versuchen der Kirche, die Täter zu schützen und vor allem öffentliche Skandale zu vermeiden, hat der Film eine Kampfansage erteilt, und zugleich den Opfern, die oft aus Scham lieber schweigen, Rückendeckung gegeben. Er hat geholfen, die Schleusen zu öffnen, Aufmerksamkeit und Aufklärung geriert.

Tatsächlich wurde der betroffene Kardinal im März für schuldig befunden, weil er von den sexuellen Übergriffen auf Minderjährige wusste, sie aber nicht angezeigt hat. Er wurde zu sechs Monaten auf Bewährung verurteilt, was mehr ist als es aussieht, weil  die Staatsanwaltschaft wegen der Verjährung der Taten gar keine Verurteilung gefordert hatte.

Ein neuer Ansatz

In letzter Zeit gab es schon eine Reihe von Filmen, die dieses brandaktuelle Tabu-Thema angepackt haben, der polnische Film "Klerus", vor ein paar Jahren auch auf der Berlinale zu sehen, über die südamerikanischen Wohnheime, in denen sündige Pfarrer unter recht komfortablen Bedingungen untergebracht und versteckt werden. Der Journalistenthriller "Spotlight" über die Reporter des Boston Globe, die so einen Fall ans Licht gebracht haben. Die Dokumentation "Erlöse uns von dem Bösen", die einen konkreten Pfarrer zur Rede stellt.

Im Unterscheid zu all diesen Filmen befasst sich Ozon nicht mit den Tätern, die sonst immer im Mittelpunkt stehen, sondern mit den inzwischen erwachsenen Opfern, mit ihren Ängsten und Nöten und ganz unterschiedlichen Verarbeitungs- und Verdrängungsstrategien, die er auf der Basis umfangreicher, investigativer Recherchen dramaturgisch verdichtet. Ganz geduldig und gründlich breitet er die gesammelten Informationen aus, mit vielen vorgelesenen Briefen und E-Mails und mit Begegnungen in nüchternen Räumen.

Es dauert eine ganze Weile, bis der Film dann einen umso größeren Sog entwickelt und mancher Satz lässt einem den Atem stocken, etwa wenn der Kardinal bei einer Pressekonferenz allen Ernstes sagt, "Gott sei Dank" sei das ja verjährt. Ein Satz, dem dieser starke, brisante und wichtige Film seinen vieldeutigen Titel verdankt.

Anke Sterneborg, rbbKultur

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