GEMINI MAN © Paramount Pictures
Bild: Paramount Pictures

Science-Fiction-Action-Thriller - "Gemini Man"

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Wie würden Sie reagieren, wenn Sie plötzlich sich selber gegenüberstehen würden, in einer 27 Jahre jüngeren Version? So geschieht es dem von Will Smith gespielten Auftragskiller Henry, in "Gemini Man", dem neuen Film von Ang Lee. Ein aberwitziges Gedankenspiel mit vielen modernen Filmtricks und Filmtechniken.

Ein Blick in den Spiegel

Henry (Will Smith) ist Auftragskiller im Dienst der amerikanischen Regierung. Bäuchlings liegt er mit dem Präzisionsgewehr im Anschlag auf einer Anhöhe, das Zielfernrohr auf einen Zug gerichtet, der sich in zwei Kilometer Entfernung auf einen Tunnel zubewegt. Mit Unterstützung eines Partners im Zug nimmt er einen mutmaßlichen Terroristen ins Visier, kurz vor Einfahrt des Zuges in den Tunnel bricht der Mann tödlich getroffen zusammen. Ein Wahnsinnstreffer, doch Henry ist nicht zufrieden, er hat auf den Kopf gezielt, aber den Nacken getroffen. Und dann findet er heraus, dass seine Auftraggeber ihn mit falschen Informationen gefüttert haben, der getötete Mann scheint gar kein Terrorist zu sein.  Ein auf absoluter Präzision beruhender Beruf ist plötzlich mit Unsicherheiten behaftet, Henry beschließt, mit knapp über 50 in Ruhestand zu gehen, aber Auftragskiller ist ein Job, den man nicht einfach kündigen kann. Der Geheimdienst hetzt ihm einen Scharfschützen auf den Hals, als er ihn endlich im Sucher seines Gewehrs zu fassen bekommt, ist es als würde er in den Spiegel schauen. Henrys jüngere Version Junior ist der Prototyp eines hypermodernen Auftragskillers, ein aus Henrys DNA entwickelter Klon und Teil des titelgebenden Gemini-Programms. Die nächste Stufe sind roboterhafte Kampfmaschinen ohne Moral, Gewissen und Gefühle, damit im Krieg keine echten Soldaten mehr sterben müssen.

Digitaler Klon

Schon seit den Neunziger Jahren kursiert das Drehbuch in Hollywood, doch erst jetzt ermöglichen modernste Tools die Verfilmung. Um die Illusion künstlicher Zwillinge herzustellen, musste der Filmstreifen in zwei Teilen geteilt, nacheinander bespielt und belichtet werden. Derselbe Schauspieler war für beide Versionen zuständig und musste genau aufpassen, dass er beim Spielen die imaginäre Trennlinie nicht überschritt. In "Gemini Man" wurde der jüngere Will Smith auf Basis der Bewegungsdaten des heutigen Will Smith komplett am Computer generiert, besteht also nur aus Pixeln. Nachdem sich Tiere inzwischen täuschend echt im Computer herstellen lassen, wie in der neuen Realfilmversion von Disneys "König der Löwen" zu bewundern war, wagen sich die Digitaltüftler nun auch an die sehr viel größeren Herausforderungen des digitalen Menschen, die durch die Transparenz der Haut, den Glanz der Augen, den Schimmer der Haare, und eine komplexe Mimik und Gestik sehr viel schwieriger zu duplizieren sind.

Das Ergebnis ist beeindruckend. Nur bei genauester Prüfung wirkt der junge Will Smith hier und da noch einen Hauch merkwürdig und künstlich. Will Smith könnte tatsächlich der erste Schauspieler sein, der auf Basis eingespeister Daten ein Leinwandleben nach dem Tode hat.

Unter dem Vergrößerungsglas: Hyperreale Wirklichkeiten

Aber auch sonst ist "Gemini Man" ein irrwitziges Seherlebnis. Wie schon in "The Life of Pie: Schiffbruch mit Tiger" und "Die irre Heldentour des Billy Lynn" experimentiert Ang Lee auch hier wieder mit den Möglichkeiten überhöhter Wahrnehmung mittels 3D und erhöhter Bildrate (120 statt der üblichen 24 Bilder pro Sekunde). Die fast unwirkliche Tiefenschärfe, die jeden Schauplatz mit unerbittlicher Deutlichkeit wie unter dem Vergrößerungsglas zeigt ist zunächst gewöhnungsbedürftig. Aber das bedeutet auch, dass man in einer längeren Action Sequenz in einem unterirdischen Höhlensystem noch deutlich sehen kann. Und es bedeutet, dass rasante Action Szenen, die sonst im 3D Kino immer in bisschen nachschleifen und ruckeln, jetzt sehr viel fließender wirken.

Mehr als optisches Spektakel im Kampf um die Aufmerksamkeit der Kinozuschauer

Neben tollen Action-Sequenzen bietet "Gemini Man" durchaus auch Stoff zum Nachdenken, über die ethischen Grenzen des Fortschritts, über die Grenzen der menschlichen Existenz, über das Wesen des Menschen und das Verhältnis von Vätern und Söhnen. Und nach Ang Lees letztem Film über das Medien Tamtam um einen Irakkriegsveteranen, ist nun auch "Gemini Man" ein weiterer kritischer Blick auf Amerika aus der Perspektive eines taiwanischen Regisseurs. 

Anke Sterneborg, rbbKultur

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