"Einsam Zweisam", Regie: Cédric Klapisch © STUDIOCANAL/Emmanuelle Jacobson-Roques
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Drama - "Einsam Zweisam"

Bewertung:

Mit "L’auberge espagnole" hat der französische Regisseur Cédric Klapisch sich vor vielen Jahren einen Namen gemacht. Über 5 Millionen Zuschauer haben den Film gesehen und auch der zweite Teil war ein Erfolg. Im Mittelpunkt der Filme des 1961 geborenen Regisseurs stehen meist junge Menschen, die versuchen, ihren Weg zu finden. Nicht mehr ganz jung, nämlich genau 30 Jahre, sind die beiden Hauptfiguren seines neuen Films "Einsam Zweisam".

"Einsam Zweisam" aber keine klassische Liebesgeschichte, eher die Geschichte davor, bevor die beiden Protagonisten sich kennen- und dann womöglich auch lieben lernen: zwei Menschen, die in der Großstadt leben, in ihrem bisherigen Leben diverse Verletzungen davongetragen haben und versuchen irgendwie, zurecht zu kommen. Sie leben Tür an Tür. Doch sie kennen sich nicht. Und keiner von beiden hebt den Blick, der alles verändern könnte. Denn ihre Wege sind oft dieselben: ob in der Apotheke oder in der Metro oder auch im Lebensmittelladen um die Ecke stehen sie nebeneinander, zahlen nacheinander. Zwei Parallelexistenzen, die nichts von der Existenz des anderen ahnen. So wie man in der Großstadt eben lebt.

Liebeskummer und Panikattacken

Und so normal sind auch ihre Probleme. Mélanie leidet darunter, von ihrem Freund verlassen worden zu sein, fühlt sich ungeliebt, hat ihr Selbstvertrauen verloren, traut sich bei der Arbeit nichts mehr zu. Während Rémy eigentlich Glück im Unglück hat, denn als seine Firma von einer Entlassungswelle erfasst wird, behält er als einer der wenigen seinen Job. Doch er kann sich darüber nicht freuen, sein schlechtes Gewissen den Kollegen gegenüber haut ihn im wahrsten Sinne des Wortes um. Panikattacken.

"Einsam Zweisam", Regie: Cédric Klapisch © STUDIOCANAL/Emmanuelle Jacobson-Roques
Bild: © STUDIOCANAL/Emmanuelle Jacobson-Roques

Poetischer Neorealismus

Was die beiden verbindet ist, dass sie sich beide nicht mit ihren Problemen auseinandersetzen wollen. Während sie sich in einen fast narkotischen Schlaf flüchtet, leidet er unter Schlafstörungen. Irgendwann aber landen beide auf der Couch von Psychotherapeuten. Und versuchen über irgendwelche Partner-Apps jemanden zu finden, der sie retten könnte. Klar ist, diese beiden können sich erst finden, wenn sie sich selbst gefunden haben. Das ist alles sehr realistisch und zugleich ungemein traurig.

Klapisch spricht selbst von "poetischem Neorealismus", das heißt, er erzählt nahe dran am Leben, gibt der Realität aber einen anderen Rahmen – jedes Bild, jede Einstellung sagt er, erfülle bestimmte ästhetische Kriterien.  

Eigentümliche Spannung

Natürlich möchten wir Zuschauer*innen die beiden beieinander sehen, lauern auf den richtigen Moment, verzweifeln, wenn sie wieder aneinander vorbeilaufen. Diese Umwege und Verhinderungen der Figuren, die Volten, die Klapisch schlägt, führen zu einer mitfühlenden Ungeduld und einer ganz eigentümlichen Spannung.

Das verdankt sich auch den beiden Hauptdarstellern Ana Girardot und Francois Civil  mit denen Klapisch nach seinem letztem Film "Der Wein und der Wind", 2017, unbedingt wieder zusammenarbeiten wollte. Aber es sind auch die Nebenrollen, denen hier eine besondere Bedeutung zukommt:  der Lebensmittelhändler, der seine Kunden ungemein liebenswürdig übers Ohr haut, sie aber immer auch ganz genau beobachtet und – ganz entscheidend! - eine kleine weiße Katze, die ihre Sache großartig macht.

Paris – Mon Amour

Es gibt viele Straßenbilder, die Lust machen auf diese Stadt, und immer wieder den Blick aus den Fenstern: auf einen weiten weißen Himmel und in der Ferne der Eifelturm. Vielleicht eine Metapher für die Freiheit, Paris als die Stadt in der alles möglich ist – vorausgesetzt man traut sich. So ist "Einsam Zweisam" nicht nur eine "Prä-Liebesgeschichte", sondern auch ein "Paris-Film".

Christine Deggau, rbbKultur

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