Crescendo, Regie: Dror Zahavi © Christian Lüdeke
Bild: © Christian Lüdeke

Drama - "Crescendo – #makemusicnotwar"

Mit Musik Grenzen zu überwinden. Darum geht es in dem Film "Crescendo – #makemusicnotwar" des israelischen Regisseurs Dror Zahavi. Auch wenn Zahavi selbst keine Parallelen zieht, fühlt man sich an das West-Eastern-Divan Orchestra erinnert, das vor 20 Jahren u.a. von Barenboim gegründet wurde – auch mit dem Ziel, dass Israelis und Palästinenser sich besser zuhören sollten, versuchsweise musikalisch.

Genau das ist die Idee der Agentur "Stiftung für effektiven Altruismus", die in diesem Spielfilm das Abendprogramm für Friedensverhandlungen zwischen Diplomaten aus Palästina und Israel verantwortet: man plant, ein Jugendorchester aus beiden Nationen für ein Konzert auf die Beine zu stellen. Paritätisch besetzt aus Israelis und Palästinensern. Die Veranstalterin (Bibiana Beglau) beauftragt einen bekannten deutschen Dirigenten (Peter Simonischek), der in Tel Aviv ein Vorspiel arrangiert. Schon hier werden unterschiedlichen Vorausetzungen der Musiker deutlich: anders als die Palästinenser, die an der Grenze teilweise schon Probleme haben, überhaupt mit ihrem Instrument eingelassen zu werden, kommen die Israelis ausgeschlafen und selbstbewusst um die Ecke.

Statt Musik zu machen, wird erstmal therapiert

Und so ist dieses Orchester wie ein Mikrokosmos der politischen Gemengelage. Beherrscht von Vorurteilen, aber auch von schmerzlichen Verlusten Einzelner durch Bombenangriffe oder Selbstmordattentate stehen sich in Südtirol – wo die Proben stattfinden – zwei verfeindete Völker gegenüber. Personifiziert von zwanzig jungen Menschen, die nun eng miteinander arbeiten, sich ein Notenpult teilen sollen. Ein Ding der Unmöglichkeit. Doch der Dirigent, der selbst ein Päckchen zu tragen hat und sich mit dem Thema Verzeihen und Ruhe bewahren auskennt, weiß, was zu tun ist: statt Musik zu machen, wird erstmal therapiert. So stehen sich die Musiker einmal gegenüber und schreien sich alles von der Seele, was sie an Bildern mit sich herumtragen, was sie in dem anderen sehen – da bricht vieles heraus von "Mörder", über "Bombenleger" bis "Terrorist". Eine starke Szene, die deutlich macht, wie tief der Hass sitzt und wie unüberwindbar er scheint. Doch der Film erzählt auch von Annährungen und es gibt auch eine sehr zarte Liebesgeschichte.

Kraft der Musik

Regisseur Dror Zahavi wurde in Tel Aviv geboren und lebt seit den 90er Jahren in Berlin. Er sagt, ohne seinen biographischen Hintergrund habe er den Film so nicht machen können. Sein Wissen um das Zusammenleben zwischen Israelis und Palästinensern ist die Basis von der aus er sich in die Kraft der Musik träumt.

So sind es alltägliche Beobachtungen mit denen er uns an Konflikt heranführt, uns mit stolzen Persönlichkeiten konfrontiert, die in dem Orchester lernen müssen, den anderen wahrzunehmen. Wie dieses Pärchen, jung und unerfahren, das glaubt, dass seine Liebe Grenzen überwinden kann. Und doch sind auch sie geprägt von den politischen Verhältnissen. Zahavi zeigt, dass es vor allem die Umstände und die Herkunft sind, die das Leben bestimmen. Etwas, das man sich nicht aussuchen kann.

Crescendo, Regie: Dror Zahavi © Oliver Oppitz Photography
Bild: © Oliver Oppitz Photography

Daniel Donskoy und Sabrina Amali überzeugen in ihrer Gegensätzlichkeit

Peter Simonischek in der Rolle des Dirigenten ist großartig, streng und gütig, dabei selbst Opfer der Geschichte als Sohn zweier Nazi-Verbrecher, ein Aspekt, der durchaus verzichtbar gewesen wäre. Er aber ist das Zentrum. Schauspieler wie Daniel Donskoy und Sabrina Amali überzeugen in ihrer Gegensätzlichkeit, beide mussten das Geigen erst einmal lernen, um glaubhaft zu spielen. Der Rest des Trupps sind Musiker aus dem Nahem Osten. Laien, die tatsächlich in einer Situation leben, wie sie der Film beschreibt. Mit ihnen macht dieser Film klar, dass auch die Musik nur ein Versuch sein kann, den Hass und das politische Erbe zu überwinden – eine politische Lösung bietet sie nicht.

Christine Deggau, rbbKultur

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Filmstill Irradiés | Irradiated von Rithy Panh (Quelle: Rithy Panh)
Rithy Panh

Fr 28.02.2020 | 70. Berlinale | Wettbewerb - "Irradiés" | "Irradiated"

"Irradiés" – das sind die Bestrahlten, die Opfer der Atombomben – Abwürfe auf Hiroshima und Nagasaki. Eigentlich. Doch der kambodschanische Regisseur Rithy Panh fasst den Begriff deutlich weiter. Er widmet seinen Dokumentar- Film allen Menschen, die im 20. Jahrhundert unter Krieg und Faschismus zu leiden hatten.

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