Koenig der Murmelspieler © Vocomo Movies
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DVD Tipp - "König der Murmelspieler"

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In Filmen wie "Sex, Lügen Videotapes", "Out of Sight" und der "Ocean‘s Eleven"-Trilogie hat Steven Soderbergh ein ausgeprägtes Faible für Lügner, Betrüger und Fälscher gezeigt. Auch der zwölfjährige Held seines dritten Spielfilms "König der Murmelspieler" braucht viel Fantasie, um sich in den harten Depressionszeiten, 1933 in St. Louis durchzuschlagen. Das frühe, wenig bekannte Werk des amerikanischen Regisseurs ist bei Universal auf Blu-ray und DVD in einem schön ausgestatteten Mediabook erschienen.

Die Depressionsjahre im magischen Licht kindlicher Fantasie

Gleich in der ersten Szene des Films liest der zwölfjährige Aaron vor der Klasse eine selbstgeschriebene Geschichte vor. Er gibt vor, der Transatlantik-Flugpionier Charles Lindbergh habe sich bei ihm persönlich Rat geholt, was für Proviant er auf seinem rund 34stündigen Flug von St Louis nach Paris am besten einpacken solle: "Mit einem liegst du nie falsch, aber vergiss den Senf nicht."

Unter den harten Bedingungen der Depressionszeit ist das Essen ein ständig wiederkehrendes Thema, zum Beispiel wenn Aarons kleiner Bruder beim Klauen eines Pausensnacks erwischt wird, wenn er für sich und den Vater eine Suppe kocht, aus ein paar Spritzern Ketchup, die er mit heißem Wasser übergießt, oder wenn der dicke Cop auf der Straße einen dürren kleinen Jungen für den Diebstahl eines Apfels handgreiflich zur Rede stellt, um dann selber herzhaft reinzubeißen.

Mit seiner aggressiven Bösartigkeit ist der Cop das genaue Gegenteil von Aaron, der immer voller Mitgefühl auf die Welt schaut und hilft, wo er kann. Als Kind gehört er zu den schwächsten Gliedern der Gesellschaft. Doch mit seinen kindlichen Augen gesehen wird selbst das Drama der Depressionszeit zum Abenteuer, und das Hotel in dessen dritter Etage die Armen notdürftig unterkommen, zum Spielplatz.

Diese bittere Zeit existenzieller Nöte ins goldene Sommerlicht der Nostalgie getaucht, ohne dass die Nöte des Kindes beschönigt werden. Dazu Steven Soderbergh im knappen making of: "Fraglos sehen wir diesen Film über das Jahr 1933 mit Aarons Augen. Das heißt, manche Dinge werden ausgelassen, andere, die er für wichtig hält, werden betont. Aber genau das macht den Charme der Geschichte aus."

Die Verfilmung des autobiografischen Romans von A.E Hotchner ist eine Coming of Age Geschichte, in der die Transformation vom Kind zum Jugendlichen, die sonst Monate und Jahre braucht, in knapp zwei Wochen passiert. Nachdem sein kleiner Bruder zu einem Onkel auf dem Land geschickt wurde, um den Haushalt zu entlasten, seine Mutter in ein Lungensanatorium umziehen musste und sein Vater endlich wieder einen Job als Handlungsreisender ergattert hat, muss Aaron sich alleine durchschlagen.

Kein Geld, kein Essen, und die ständige Gefahr das Dach über dem Kopf zu verlieren - es braucht viel Fantasie und flinke Ausreden, um sich da als Kind durchzulavieren: Warum sind die Eltern für die Lehrer nicht erreichbar? "Mein Vater arbeitet für die Regierung und manchmal wird seine Post gestohlen. Wir glauben von ausländischen Spionen, wir sind aber nicht ganz sicher". Warum können die Eltern nicht zur Schulabschlussfeier kommen? "Also meine Eltern sind Archäologen und sie waren auf einer Expedition und man hat schon lange nichts von ihnen gehört."

Koenig der Murmelspieler © Vocomo Movies
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Musikalische Stimmungen

Ein bisschen Halt findet Aaron in der Gemeinschaft der Nachbarn in der dritten Armen-Etage des Hotels, zum Beispiel bei dem Lebensbetrugskünstler Lester, dem Adrien Brody einen jungenhaft schlitzohrigen Charme verleiht. Der hilft ihm auch, einen Anzug für die Schlussabschlussfeier zu beschaffen, aus der Kammer mit dem beschlagnahmten Besitz säumiger Hotelgäste. Und wenn es keine Freunde mehr gibt, erfindet Aaron sich welche, zum Beispiel beim Dialog seiner beiden ausgetretenen Schuhe mit ihren zum Maul geöffneten Sohlen:"Hallo Billy!- Hallo Aaron! - Wie geht’s dir? - Mir geht’s gut. - Was hast du heute Mittag gegessen? - Ich hatte Seezungenfilet. Was hat es bei dir gegeben? - Ich hatte ein Brötchen und ein Glas Wasser."

Aufgefangen wird dieser einsame, hungrige Junge auch von den wechselnden Stimmungen der Musik, die sein Tun begleiten, die schwermütigen Momente des Abschieds, die ausgelassen hüpfenden Momente des Abenteuers oder eine rasante Verfolgungsjagd mit den Schuldeneintreibern, die es auf das Auto des Vaters abgesehen haben. Lauter kleine Beobachtungen am Rande verbinden sich zu einem Bild der Depressionszeit, das märchenhaft verzaubert wirkt, ohne die echten Nöte zu beschönigen. Ein nostalgisches Tom Sawyer und Huckleberry Finn-Abenteuer, im Geiste von Charlie Chaplin. 

Anke Sterneborg, rbbKultur

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