La Verite © Laurent Champoussin
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Drama - "La Vérité – Leben und lügen lassen"

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Eigentlich gar nicht zu verstehen, dass diese beiden noch nie gemeinsam vor der Kamera gestanden haben: Juliette Binoche und Cathérine Deneuve, die beiden Grande Dames des französischen Kinos. Der japanische Regisseur Hirakazu Kore-eda, der im letzten Jahr für seine Familiengeschichte „Shoplifters“ in Cannes die Goldene Palme bekam, hat es nun geschafft. Und zwar in der annehmbarsten aller Konstellationen, die konfliktträchtig genug ist, zwei so großen Schauspielerinnen herauszufordern: als Mutter und Tochter.

Deneuve spielt die gefeierte Diva Fabienne, die trotz hohen Alters in einem neuen Film mitspielt und zudem gerade ihre Autobiographie veröffentlicht hat. Der Titel: „La verité“. Um das Erscheinen des Buchs mit der Mutter zu feiern, reist ihre Tochter Lumir mit Mann und Kind aus Amerika an, wo sie als Drehbuchautorin arbeitet. Doch aus der Begegnung wird ein Streit um die Erinnerungen, um die vermeintliche Wahrheit. Denn so wie Fabienne sich in ihrem Buch selbst darstellt, als liebende Mutter und treusorgende Ehefrau, all das, sagt Lumir, habe es nie so gegeben.

An Fabienne aber prallt jede Kritik ab. Wer will schon die Wahrheit wissen, sagt sie, es geht um die Magie. Und so besteht sie selbstbewusst auf der Deutungshoheit über ihr Leben, in dem sie Realität und Fantasie verschmelzen lässt.

Cathérine Deneuve spielt es hingebungsvoll bösartig

Deneuve als selbstverliebtes, eiskaltes Mutter-Monster, das sich permanent inszeniert, der es immer nur um sich selbst geht – die Deneuve spielt es hingebungsvoll bösartig. Es ist ein großer Auftritt, der viel Raum beansprucht, und den Juliette Binoche ihr lässt - ohne dabei zu verlieren. Sie bleibt zurückhaltend, agiert eher aus dem Hintergrund. Und ist in ihrer Zartheit doch sehr präsent, während sich die Deneuve prall in den Vordergrund spielt. Natürlich stellt sich die Frage: spielt sie sich da nicht ein bisschen auch selbst? Diese Parallele scheint beabsichtigt und wird durch einige selbstironische Momente gebrochen.

Männer bleiben Randfiguren

Dann gibt es natürlich auch noch die Männer, doch sie bleiben Randfiguren. Da gibt es den Liebhaber, der Fabienne bekocht und ansonsten nichts zu sagen hat. Es gibt ihren Assistenten, der sie seit 40 Jahren aufopferungsvoll verwöhnt und dem sie keinen Blick schenkt, als er ihr tief verletzt kündigt – weil: auch ihn hat sie in ihrer Autobiographie komplett verschwiegen.

Noch ein Opfer der vermeintlichen "Wahrheit". Und es gibt den Mann von Juliette Binoche, gespielt von Ethan Hawke, einen trockenen Alkoholiker und drittklassigen Schauspieler. Hawke Hand in Hand mit Juliette Binoche: das erinnert an die Linklater-Filme, Ethan Hawke mit Julie Delpy. So wie die Darstellung von Catherine Deneuve und Juliette Binoche in ihrer Intensität an die Mutter-Tochter-Geschichte in Ingmar Bergmanns "Herbstsonate" erinnert.

La Verite © Laurent Champoussin
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Mutter-Tochter-Drama

"La Verité" ist ungleich leichter, obwohl er auch traurig ist und kompliziert und tiefgründig. Vor allem aber ist dieser Film auch sehr französisch. Und das, obwohl ein japanischer Regisseur Regie führte. Mit Dolmetscher am Set. Doch scheint Kore-eda den französischen Film inhaliert zu haben. Er beherrscht seine Sprache und Feinheiten. Er erzählt leicht und gelassen, sieht genau hin, ist sehr aufmerksam, die Dialoge sind witzig und schnell – das macht Spaß. Bei so viel Freude dann doch eine kleine Einschränkung: der zweite Handlungsstrang über die Dreharbeiten von Catherine Deneuve ("Film im Film") bringt wenig voran, im Gegenteil, hier kommt ein Pathos ins Spiel, das die Leichtigkeit etwas nimmt. Als Mutter-Tochter-Drama aber überzeugt "La Verité". Sehr entspannt inszeniert, bietet der Film ein wunderbar doppelbödiges Tableau für Deneuve und Binoche.

Christine Deggau, rbbKultur

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