Unorthodox © Netflix Anika Molnar
Bild: dpa / Netflix / Anika Molnar

Netflix | Miniserie - "Unorthodox"

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Vor eineinhalb Jahren kam bei uns die Dokumentation "#Female Pleasure" in die Kinos, unter den fünf Frauen aus unterschiedlichen Kulturkreisen erzählte da auch Deborah Feldman von sexueller Auflehnung und Selbstfindung. Zuvor hatte sie ihren Ausbruch aus der streng chassidischen Gemeinde der Satmarer im New Yorker Stadtteil Williamsburg bereits in dem autobiografischen Roman "Unorthodox" thematisiert.

Das Buch wurde weltweit zum Bestseller, jetzt hat die Schauspielerin und Regisseurin Maria Schrader den Stoff verfilmt. Ihre gleichnamige Miniserie besteht aus vier Folgen, die seit dieser Woche auf dem Streamingdienst Netflix abgerufen werden können.

Intimität und Authentizität

Viele Verfilmungsangebote hat Deborah Feldman ausgeschlagen, denn unter keinen Umständen wollte sie ihre persönliche Geschichte in ein Großprojekt verwandeln. Die Intimität und Integrität der Geschichte sollten gewahrt werden. Nun sind die entscheidenden Positionen mit Frauen besetzt, die beiden Drehbuchautorinnen Anna Winger und Alexa Karolinski und die Regisseurin Maria Schrader. Alle jüdischen Rollen wurden mit jüdischen Darstellern besetzt, das Leben in dieser orthodoxen Satmarer-Gemeinde wurde mit Hilfe von Insidern so wahrhaftig wie möglich erarbeitet. Schließlich wurde in Jiddisch, Englisch und Deutsch gedreht, was alles zur Authentizität der Serie beiträgt. (Wie das sonst bei DVDs und Blu-rays und auf Netflix auch ein "making of" der Serie verfügbar!)

Flucht in die Musik

Am Anfang der Serie sieht man Esther, genannt Esti ruhig und gefasst am Fenster einer Wohnung im New Yorker Stadtteil Williamsburg stehen. Sie trinkt den letzten Schluck Tee aus ihrem Glas und gibt sich einen Ruck, sie versteckt Dokumente und Geld am Körper und eilt an einer Gruppe von zum Shabbat versammelten Mitgliedern ihrer chassidischen Gemeinde vorbei, in ein Taxi zum Flughafen.

Kurz darauf landet sie auf dem Potsdamer Platz in Berlin, wo sie erste Erfahrungen in einer sehr fremden Welt sammelt. Die Erfahrungen in der Gegenwart sind verflochten mit Rückblenden, in denen ihre New Yorker Geschichte erzählt wird, als Frau in der ultraorthodoxen Satmarer-Gemeinde, in der sie als Gebärmaschine für Nachwuchs sorgen soll und keinerlei Rechte auf Ausbildung und Selbstverwirklichung hat.

Während sich der New Yorker Teil sehr eng an das Buch und die Lebensgeschichte von Deborah Feldman halten, nimmt sich die Serie in Berlin sehr viel größere Freiheiten: So wurde die Literatur durch die audiovisuell ergiebigere Musik ersetzt. Esti wird alles daransetzen, Musik zu studieren.

Empathie für alle Beteiligten

Hier die engen Grenzen der Chassidischen Gemeinde in New York, dort das freie wilde Leben in einem Berliner Sommer: Natürlich wäre es leicht, die chassidische Gemeinde für ihre Weltfremdheit und Rückwärtsgewandtheit an den Pranger zu stellen. Doch genau das vermeidet die Serie.

Sicher, es wird von der Enge erzählt, und von den Zumutungen gerade auch für eine Frau, beispielsweise bei freudlos schmerzhaften Sexversuchen. Aber die Serie mobilisiert durchaus auch Sympathien für ihren Mann, der in ganz ähnlicher Weise ins Rollenbild des starken Mannes gezwungen wird, dem er nicht entspricht. Besonders berührend ist die Art wie man als Zuschauer dieses fremde, wundersame Berlin mit den neugierigen, wachsamen und immer wieder auch scheuen Augen von Esti erlebt.

Coming of Age unter extremen Bedingungen

Besonders gelobt wurde die israelische Darstellerin Shira Haas, die in ihrer Heimat bereits sehr bekannt ist. Mit den feinen Nuancen ihrer Schauspielkunst zieht sie den Zuschauer ganz unmittelbar in ihre Wahrnehmung hineingezogen wird, ohne viele Worte verlieren zu müssen, beispielsweise wenn sie mit den Musikstudenten an den Wannsee fährt und in Rock und langärmeliger Bluse ins Wasser geht, in einem Moment der die Beschränkungen der Tradition mit unbändiger Freiheit verschränkt.

Das feine Spiel von Shira Haas ergänzt sich dabei kongenial mit der besonderen Sensibilität von Maria Schrader ("Liebesleben", "Vor der Morgenröte") als Regisseurin. All dies macht "Unorthodox" zu einer sehr besondere Mischung aus Coming of Age-Geschichte und Historienfilm, der Einblicke in die sehr abgeschiedene Gemeinde der orthodox Jüdischen Gemeinde gibt, ohne sich über deren Weltfremdheit lustig zu machen.

Anke Sterneborg, rbbKultur

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