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Drama - "Königin"

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Viele Filme sind in den letzten Monaten in den Schubladen liegen geblieben, so nach und nach aber erblickt der ein oder andere dann doch das Licht, glücklicher Weise! Schon Anfang April hätte der dänische Beitrag "Königin" mit Trine Dyrholm in der Hauptrolle, nominiert für den Oscar 2020, ins Kino kommen sollen. Seit dem 5. Mai ist er nun auf verschiedenen Plattformen als Video on Demand erhältlich.

Schlicht "Königin" nennt die ägyptisch-dänische Regisseurin May E-Toukhy ihren zweiten Spielfilm. Die Attribute, die man mit einer Königin assoziiert, führen auf Umwegen zu der Hauptperson: mächtig, entscheidungsstark, willensstark, bewundert, schön, grausam. All das verkörpert Anne, gespielt von Trine Dyrholm: eine leidenschaftliche und engagierte Anwältin, die mit Mann und Kindern außerhalb der Stadt in einem wunderschönen Architektenhaus lebt.

Vielleicht stimmt in der Ehe nicht mehr alles, da sind kleine Spitzen von ihr, gleichgültige Antworten von ihm – doch im Großen und Ganzen funktioniert alles gut. Bis ihr Mann Peter entscheidet, seinen 16jährigen Sohn Gustav aus erster Ehe bei sich aufzunehmen, ein schwieriges Kind, mit dem die Mutter zuhause nicht mehr klarkommt. Peter will gut machen, was er versäumt hat, als er Mutter und Kind damals verließ, als Gustav noch ganz klein war.

Anne unterstützt ihren Mann in dieser Entscheidung, als Anwältin für Jugendliche glaubt auch sie, Gustav helfen zu können. Schwierige Zeiten brechen an, doch als Gustav sich akklimatisiert hat, bringt er eines Nachts ein junges Mädchen mit nach Hause und Anne, die noch dasitzt und arbeitet, hört, wie die beiden miteinander Sex haben. Diese Szene ist in ihrer Banalität kardinal für das weitere Geschehen. Anne fasst einen Plan. Sie entscheidet, dass sie das auch will. Sie will Sex mit ihrem Stiefsohn. Als ihr Mann ein Wochenende unterwegs ist, verführt sie Gustav, der wohl körperlich ein Mann ist, doch die Seele eines verletzten Kindes hat. Anne, die Kluge, die Schützende, begeht einen eklatanten Tabubruch.

 

Große schauspielerische Leistung

Trine Dyrholm, eine der erfolgreichsten dänischen Schauspielerinnen, meistert diese schwierige Rolle mit großem Stil- und Balancegefühl. Wie sie einmal vor dem Spiegel steht und ihren Körper begutachtet, sich selbst und ihren Wert taxiert – das ist ein fragiler Moment, der schnell entgleiten, zu eitel, zu kalt wirken kann. Trine Dyrholm gelingt es, die Ambivalenz zu zeigen, in der sich Anne als bis dahin unangreifbare Sympathieträgerin befindet.

Doch als ihre Affaire droht aufzufliegen und sie begreift, dass sie durch ihre Lust auf ein Verhängnis zusteuert und ihr ihr Leben entgleiten könnte – in Andeutungen erfährt man, dass sie wohl aus armen Verhältnissen kommt und sich mühevoll hochgearbeitet hat – setzt sie auf ihren Status, ihre Macht, kennt keine Gnade mehr. Sie ist satt, hat bekommen, was sie wollte. Eine Königin.

Es ist absolut spannend Trine Dyrholm bei der Darstellung dieser Figur zuzusehen – eine Frau, die ihre Prämissen, ihre Strategie und damit auch ihre Persönlichkeit komplett wechselt. Auch beim Zuschauen ist es ein Wechselbad der Gefühle. Eine Herausforderung.

Halb widerwillig, halb fasziniert schaut man zu, es ist schwer, sich dieser Geschichte entziehen, die El-Toukhy so nüchtern wie direkt erzählt. Die Sexszenen zum Beispiel sind fast pornographisch. Was hier Sinn macht. Denn hier geht es nicht darum, Sex um jeden Preis zu zeigen, sondern es geht um das "Haben wollen".

Macht und Machtmissbrauch

Auffällig ist auch: es gibt kaum Nahaufnahmen. Die Figuren in ihren disparaten Befindlichkeiten befinden sich so doch alle auf Augenhöhe und mit ihnen die Darsteller: der Newcomer Gustav Lindh in der Rolle des missbrauchten jungen Mannes ist auf Augenhöhe mit Magnus Krepper, der hier als Vater und Ehemann überzeugt. Sie alle aber hat die "Königin" fest im Griff: Trine Dyrholm – zurecht wurde die 48jährige für ihre Darstellung bei diversen Festivals als beste Schauspielerin ausgezeichnet.

May El-Toukhy erzählt eine Geschichte über Macht und Machtmissbrauch. Darüber, wie Lügen zerstören können, eine Geschichte, wie sie sagt "über das Böse im Guten". Es ist die Geschichte eines Sündenfalls, so archaisch wie allgemeingültig und tragisch. Ein Film, der im Kopf bleibt.

Christine Deggau, rbbKultur

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