Anton Bruckner, Das verkannte Genie © Reinhard Winkler
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Dokumentarfilm - "Anton Bruckner – Das verkannte Genie"

Bewertung:

Anton Bruckner war ein kleiner, untersetzter, nicht allzu pfiffiger Kirchenmusiker, voll von Gottgefälligkeit und Orgelfugen. Er bildet so ziemlich das krasseste Gegenteil zu einem filmaffinen Hipster, dass man sich nur vorstellen kann. Dies macht den Dokumentarfilm von Reiner E. Moritz umso interessanter, origineller.

Der Filmemacher ist auch formbewusst genug, sich sämtliche Lebensstationen und fast alle Symphonien (außer der Ersten) von geschultem Fachpersonal erzählen zu lassen, ohne selbst zu kommentieren. Freilich, freilich: Wohl jede einzelne Bruckner-Plakette, hinter welcher der Komponist irgendwann zwischen St. Florian und Wien einmal gewohnt hat, wird abgefilmt. Heikle Themen wie seine Instrumentalisierung während des Nationalsozialismus kriegt man so nicht in den Blick. Sie bleiben unterbelichtet.

"Verkannt", wie der Film behauptet, war Bruckner keinesfalls. Zwar hatte er zeit seines Lebens unter negativen Kritiken und flüchtendem Publikum zu leiden. Aber selbst das wird im Film sogar relativiert (von Otto Biba), da im 19. Jahrhundert ein sportliches Für und Wider im Konzertleben allgemein üblich war. (Bei Wagner gab’s anfangs ähnliche Parkett-Scharmützel.) Heutzutage hingegen ist Bruckner, der allerorts rauf und runter gespielt wird, ein sogar zu sehr durchgesetzter Blockbuster des Gewerbes. Alles andere als verkannt.

 

Ein guter Tänzer

Außer bekannten Fotos und Gemälden ist historisches Filmmaterial, das man zeigen könnte, nicht vorhanden. Immerhin berichten die befragten Fachleute über Kuriositäten genug. So war Bruckner ein guter Tänzer. Wer hätte das gedacht?! – angesichts seiner schwerfällig dahintrottenden Riesen-Symphonien. Er galt als begnadeter Improvisator und hatte genau dafür seine Organistenstelle in Linz ergattert (worauf in den steif ewigkeitssatten Wiedergaben seiner Werke heute nichts mehr hindeutet). Bekannter ist da schon die rührende Einfalt dieses Mannes. So machte ihn Wagner – als Bruckner diesen kniefällig einmal besuchte, um ihm eines seiner Werke zu widmen – dermaßen betrunken (mit Bier), dass sich Bruckner anschließend nicht mehr erinnern konnte, ob er dem Meister nun seine zweite oder seine dritte Symphonie gewidmet hatte.

Wenig spezialisierte Bruckner-Dirigenten

Von heutigen Zeitgenossen kommen ausgerechnet Simon Rattle, Kent Nagano und Philippe Jordan zu Worte – allesamt wenig spezialisierte Bruckner-Dirigenten (wohingegen die große Tradition von Bruckner-Interpretationen, verbunden mit Namen wie Eugen Jochum, Günter Wand oder Herbert Blomstedt, ausgeblendet wird). Am meisten darf der Russe Valery Gergiev erzählen und dirigieren. Ehrlich gesagt: Wer mir ausgerechnet Gergiev als großen Bruckner-Dirigenten verkaufen will, mit dem bin ich fertig.

Wie es gerade dieser Film ins Kino geschafft hat, bleibt mir rätselhaft. Ich liebe Bruckner, und habe, wie ich gern zugebe, dem Film immer noch interessante Einzelheiten abgewonnen. Für Neugierige aber oder gar für Neueinsteiger, so fürchte ich, ist er viel zu betulich, oder, um mich positiver auszudrücken: zu hinterwäldlerisch. Darin passt er wiederum zu Bruckner.

Kai Luehrs-Kaiser, rbbKultur

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