The King of Staten Island © 2020 UNIVERSAL STUDIOS
Bild: 2020 UNIVERSAL STUDIOS

Zwischen Komödie und Tragödie - The King of Staten Island

Bewertung:

Auf einem schmalen Grat zwischen Fiktion und Realität, zwischen Komödie und Tragödie erzählt Judd Apatow in seinem neuen Film die Geschichte des Stand-up-Comedians Pete Davidson, dessen Vater in den Trümmern des World Trade Centers starb.

Viele Jahre begleitete und kommentierte Judd Apatow als Produzent, Autor und Regisseur mit seinen Filmen das eigene Leben, von der Highschool-Serie "Freaks and Geeks" über die Filme wie "Beim ersten Mal" oder "Immer Ärger mit 40". Das war wahrhaftig, komisch und vor allem warmherzig. Inzwischen ist Judd Apatow 52, nach fünf Jahren Spielfilmpause erzählt er in seinem neuen Film "The King of Staten Island" ausnahmsweise mal eine fremde Geschichte, und zwar die des Stand-up-Comedians Stars Pete Davidson, dessen Vater, ein Feuerwehrmann, in den Trümmern des World Trade Centers starb als er sieben Jahre alt war.

Eine alternative Version des realen Lebens

Allerdings spielt der Film eine fiktive Version seines Lebens durch: Wie hätte es aussehen können, wenn er nicht die Komödie als Möglichkeit der Trauma-Bewältigung gefunden hätte? Die Filmversion von Pete Davidson heißt Scott Carlin, lebt auf Staten Island, dem provinziellen Vorstadt-Stiefmütterchen unter den fünf Stadtteilen von New York. Während Heerscharen junger Filmhelden alles daran setzten, von hier fortzukommen, steckt der 24jährige Scott planlos fest, er hat die vage Idee ein Tattoo-Restaurant zu eröffnen und hängt ansonsten mit seinen Kumpels im Partykeller rum, und tut das, was die Jungs in den Filmen von Apatow schon immer am besten konnten: quatschen, albern, trinken und kiffen in einer guten Mischung aus ausgelassener Albernheit und lebensechter Herzenswärme und deutlich inspiriert von der improvisierten Spontaneität der Stand-up-Comedy.

The King of Staten Island © 2020 UNIVERSAL STUDIOS
Bild: 2020 UNIVERSAL STUDIOS

Komödie, aber mit tragischer Grundierung

Scott gehört zu den Slackern des amerikanischen Kinos, zu den ziel- und planlosen Spätpubertisten, die auch die Filme von Richard Linklater bevölkern. Als seine Mutter 17 Jahre nach dem Tod des Vaters einen neuen Freund hat, der sehr zu seinem Entsetzen auch noch Feuerwehrmann ist wie sein Vater, kommt sein Leben zwangsweise in Bewegung, zuerst soll er die Kids des potentiellen Stiefvaters in die Schule bringen und dann auch noch ausziehen In seiner Not wendet sich Scott ausgerechnet an den neuen Freund der Mutter (Bill Burr) und landet auf diese Weise in der Feuerwache, bei den Kumpels seines Vaters. Damit beginnt ein hinreißend komischer, zärtlicher und emotionaler Seelenheilungsprozess. Während die Feuerwehrleute langsam zur Ersatzfamilie zusammenwachsen, beginnt zugleich eine posthume, zärtliche, aber gar nicht sentimentale Annäherung zwischen Vater und Sohn.

The King of Staten Island © 2020 UNIVERSAL STUDIOS
Bild: 2020 UNIVERSAL STUDIOS

Filmische Fiktion trifft auf reales Leben

Scott Davidson und sein Freund Dave Sirus fungieren als Co-Autoren des Drehbuchs und haben auch viele ihrer Freunde als Darsteller in den Film mitgebracht. Das fiktive Konstrukt des Films ist mit vielen Verbindungen zur Wirklichkeit durchwirkt, quasi dokumentarisch unterfüttert. Davidsons Mutter, die im Film von Marisa Tomei gespielt wird, einen kleinen Cameo-Auftritt und Steve Buscemi, der einen väterlichen Freund in der Polizeiwache verkörpert, hat im realen Leben als Feuerwehrmann in den Trümmern des World Trade Center ausgeholfen, wo wiederum Davidsons Vater sein Leben gelassen hat. Auf einem schmalen Grat zwischen Fiktion und Realität, zwischen Komödie und Tragödie ist "The King of Staten Island" schon jetzt einer der schönsten, komischsten und tiefgründigsten Filme dieses Sommers.

Anke Sterneborg, rbbKultur

Im Programm

Kino; Foto: gb

Eine Liebeserklärung - Endlich wieder ins Kino!

"Hach, endlich mal wieder ins Kino..." - das haben in den letzten Monaten wohl sehr viele Menschen gesagt. Auch wenn schon vor der coronabedingten Auszeit immer weniger Menschen ins Kino gegangen sind, gar nicht hingehen dürfen ist etwas anderes. Jetzt können die Kinos endlich wieder ihre Säle öffnen - eine Liebeserklärung von Rüdiger Suchsland.

weitere rezensionen

Tommaso Buscetta (Pierfrancesco Favino) im Exil in Braslien © Lia Pasqualino / Pandora Film
Lia Pasqualino / Pandora Film

Mafiafilm von Marco Bellochio - "Il Traditore - Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra"

Der Kampf gegen die Mafia beschäftigt Italien seit Jahrzehnten. Einer der Akteure war der Untersuchungsrichter Giovanni Falcone, der in den großen Mafia-Prozessen der 80er Jahre viele der großen Bosse ins Gefängnis brachte und anschließend bei einem Bombenanschlag ums Leben kam. In dem Film “Il Traditore – Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra” erzählt Marco Bellochio Falcones Geschichte nun aus der Sicht von dessen wichtigstem Zeugen.

 

Bewertung:
Auf der Couch in Tunis © Carole Bethuel
2019 PROKINO Filmverleih GmbH / Carole Bethuel

Komödie - "Auf der Couch in Tunis"

Eine Reise nach Tunis: In ihrem Debütfilm verarbeitet Manele Labadi ihre eigenen Erfahrungen mit dem Kulturclash, den eine Französin erlebt, wenn sie ins arabische Heimatland ihrer Eltern reist. Während die Regisseurin immer nur für einige Ferienwochen in Tunis verweilte, will ihre Heldin Selma ganz zurückkehren.

Bewertung:
Master Cheng in Pohjanjoki © 2019 Marianna Films Oy, By Media, Han Ruan Yuan He
2019 Marianna Films Oy, By Media, Han Ruan Yuan He

Komödie - Master Cheng in Pohjanjoki

Bisher hat der Finne Mika Kaurismäki, Bruder des berühmten Aki Kaurismäki vor allem Musikdokumentationen und gelegentlich auch mal einen Spielfilm gedreht. Jetzt kommt sein neuer Film "Master Cheng in Pohjanjoki" in die Kinos, und laut Trailer geht es um Kochen, Freundschaft und Liebe, und irgendwie auch ums Reisen, denn der Film spielt in Lappland.

Bewertung: