Auf der Couch in Tunis © Carole Bethuel
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Komödie - "Auf der Couch in Tunis"

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Eine Reise nach Tunis: In ihrem Debütfilm verarbeitet Manele Labadi ihre eigenen Erfahrungen mit dem Kulturclash, den eine Französin erlebt, wenn sie ins arabische Heimatland ihrer Eltern reist. Während die Regisseurin immer nur für einige Ferienwochen in Tunis verweilte, will ihre Heldin Selma ganz zurückkehren.

Keiner ihrer Freunde, Verwandten und Zufallsbegegnungen kann sich vorstellen, dass Selma aus freien Stücken aus Frankreich zurückkehrt, alle gehen davon aus, dort muss etwas schief gelaufen sein. Aber nach ihrem Psychologiestudium fand die junge, entschlossene Frau, dass es in Paris viel zu viele Therapeuten gibt, und ihre Fähigkeiten in Tunis viel dringender gebraucht werden.

Glaube statt Therapie

Als sie Onkel und Tante ihren Plan eröffnet, in der Dachetage des Hauses eine Psychotherapiepraxis führen will, sind die allerdings alles andere als begeistert: "Das funktioniert garantiert nicht! Ich glaube nicht, dass auch nur ein Araber den Weg zu dir aufs Dach findet und auch noch für den Besuch bezahlt. 'Ich bin so krank, ich muss reden!‘, das ist doch Schwachsinn, das wird nicht passieren! Du kannst keine Verrückten ins Haus lassen, ich habe drei Töchter, Olfa ist im gebärfähigen Alter. Das hier ist nicht Europa, verstehst du, die Leute in diesem Land sind gläubig, sowas Schwachsinniges wie einen Psychodoktor brauchen wir hier nicht."

Auf der Couch in Tunis © Carole Bethuel
Bild: 2019 PROKINO Filmverleih GmbH / Carole Bethuel

Ein ganzes Land auf der Couch

Nachdem Selma ihre Praxis eingerichtet hat, macht sie ihre Praxis im Umfeld bekannt, legt ihre Karten im Krankenhaus aus und fragt die Inhaberin des Kosmetiksalons ob sie deren Kunden informieren darf. Die allerdings hegt ebenfalls Zweifel an diesem Konzept, auch Selmas Einwand, dass alle reden wollten, überzeugt sie nicht: "Besonders die Frauen! Sobald meine Kundinnen hier sind, plappern die wie ein Wasserfall, wenn Sie dann bezahlen haben Sie eine schöne Föhnfrisur, so wie du, oder Strähnchen, verstehst du? Und zum Beispiel im Hamam, kaum sind sie drin, wird erzählt und erzählt, das nervt ganz schön, aber wenn sie rausgehen, sind sie sauber. Aber wenn die Leute von dir weggehen, was nehmen sie da mit?"
Die Leute strömen dann zwar scharenweise in die Praxis, bringen aber völlig falsche Vorstellungen mit, besonders ein Mann zieht falsche Schlüsse aus der Kombination Französin und Couch. Schnell ist klar, nicht nur die Menschen müssen auf die Couch, sondern das ganze Land.

Wohldosiertes Understatement

Wohltuend hebt sich der Film von vielen französischen Komödien ab, die sich Toleranz auf die Fahnen schreiben, in Wirklichkeit aber doch vor allem alle sämtlichen Klischees bedienen. "Auf der Couch in Tunis" ist auch ein Film über Tunesien nach dem Ende des arabischen Frühlings. Manele Labadi fühlt den Puls ihrer Heimat aus der Perspektive der Rückkehrerin, die zugleich vertraut und fremd ist.

Mit feiner Beiläufigkeit sammelt sie viele kleine Vignetten und reiht sie unaufgeregt aneinander: Viele Patienten zahlen mit Naturalien, von Frauen wird erwartet, dass sie verheiratet sind, Homosexualität wird diskriminiert, es herrschen Korruption und Mangel und eine Beamtin verkauft unter dem Bürotisch Spitzenunterwäsche und Seidenschals, statt den Gewerbeantrag voranzubringen. Als Selma von einem Polizisten zur Alkoholkontrolle aufgefordert wird, soll sie ihm direkt ins Gesicht pusten, denn Geräte gibt es keine.

Auf der Couch in Tunis © Carole Bethuel
Bild: 2019 PROKINO Filmverleih GmbH / Carole Bethuel

Das hohe Maß an Understatement hat auch mit dem Spiel von Golshifteh Farahani zu tun, die in den letzten Jahren unter anderem bei Jim Jarmusch, aber auch in den Filmen des Iraners Ashgar Farhadi und in amerikanischen Blockbustern wie "Pirates of the Caribbean" gespielt hat. Statt sich über die Zumutungen des Alltags groß aufzuregen, ist es eher so als würde sich ihre Selma nur insgeheim den Kopf schütteln und die Stirn runzeln, über das wunderliche Verhalten ihrer Landsleute.

Anke Sterneborg, rbbKultur

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