Eine größere Welt – Cécile de France (Corine); © Haut et Court
Bild: Haut et Court

Drama - "Eine größere Welt"

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Für die französische Filmemacherin Fabienne Berthaud ist jeder Film ein Trip in unbekannte Gefilde, von der Großstadt in eine ländliche Idylle in "Barfuß auf Nacktschnecken", oder aus der Enge einer Beziehung in die Weite eines Road-Movie-Trips quer durch Amerika, in ihrem letzten Film "Sky". In ihrem neuesten Werk eröffnet sich "Eine größere Welt" – in den Steppen der Mongolei.

Reisen als Trauerarbeit

Die Tontechnikerin Corine (Cécile de Paris) soll in die Mongolei reisen, um Töne für eine Dokumentationsreihe über Spiritualität zu sammeln, Geräusche, Gesänge, lokale Musik. Vor allem aber geht es darum so weit wie möglich von Paris und ihrer Wohnung zu kommen, wo sie auf Schritt und Tritt an ihren verstorbenen Mann erinnert wird. Als sie in einer Jurte ein archaisches Ritual mit Trommeln und Gesängen erlebt, verliert sie die beobachtende Distanz, wird hineingezogen in den Sog der Musik, beginnt im Rhythmus der Trommeln zu zittern und irgendwann dann auch wie ein Wolf zu heulen. Noch völlig benommen, wird sie mit einer seltsamen Prophezeiung der alten Mongolin konfrontiert, die ihr sagt, dass auch sie Schamanin sei und darum bei ihr quasi in die Lehre gehen soll.

Eine größere Welt – Cécile de France (Corine) und Schamanin Oyun (Tserendarizav Dashnyam); © Haut et Court
Bild: Haut et Court

Mein Leben mit den Schamanen

Einerseits das Ungreifbare und Magische in den Ritualen einer fremden Kultur, andererseits eine fast ethnologische Annäherung an die fremde Lebensweise und Kultur. Zum ersten Mal verfilmt Fabienne Berthaud ein fremdes Buch „Mein Leben mit den Schamanen“, in dem Corine Sombrun ihre eigene Initiationsgeschichte erzählt. Während sie die bewusstseinserweiternden Aspekte des Schamanismus für die Medizin und die Neurologie nutzbar machen wollte, geht es ihrer Filmversion vor allem darum, mit dem Geist ihres verstorbenen Mannes zu kommunizieren:

"Wegen gestern Abend, du sagtest der Geist, der über mich gewacht habe, das sei vielleicht mein Mann? Heißt das, die Schamanen können mit den Toten kommunizieren?"

"Ja, die Schamanen können mit den Geistern der Verstorbenen kommunizieren. Wenn der Schamane in Trance fällt, geht sein Geist in die dunkle Welt. Wenn er nicht den Weg zurück in seinen Körper findet, ist das sehr gefährlich, deshalb muss sie dich unterrichten."

Fiktion und Dokument

Obwohl Berthaud eine reale Lebensgeschichte erzählt, bleibt sie ihrem filmischen Stil treu und füllt das erzählerische Gerüst mit dokumentarischen Beobachtungen. Das ganze Team lebte bei den Dreharbeiten wie die Nomaden, fern der Zivilisation, in Jurten, ohne Strom, ohne fließendes Wasser und Internet. Statt klare Vorstellungen umzusetzen, lässt sich Berthaud von dem leiten, was vor ihrer Kamera passiert. Die Grenzen zwischen Fiktion und Dokumentation, zwischen Rolle und Schauspielerin verschwimmen dabei.

Die Mongolei als Seelenlandschaft

Die Stimmungen der Landschaften entwickeln bei dieser Methode eine starke Präsenz. Als Zuschauer taucht man zusammen mit Corine in diese fremde, "größere Welt" ein, in ihre Farben und Klänge, man wird sensibilisiert für die Farben, für das lichte Grün der Steppenlandschaften mit ihren weich geschwungenen Hügeln, die leuchtendblauen Kleider der Frauen, die bizarr geformten Geweihe der Rentiere. Und für die Geräusche der Natur, das Trappeln der Wildpferde, das Knistern von Hagelkörnern auf dem Waldboden, das Rauschen des Windes in Gräsern und Blättern und das Klingeln der Glöckchen an den Trachten der Schamanen.

So ist dieser Film eine sehr unmittelbare, sehr sinnliche Erfahrung, die einen ethnologischen Ansatz mit poetischer Umsetzung verbindet.

Anke Sterneborg, rbbKultur

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