"Gipsy Queen" von Hüseyin Tabak mit Alina Serban und Tobias Moretti
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Drama - "Gipsy Queen"

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"Gipsy Queen" ist das Porträt einer alleinerziehenden Mutter, die sich in Hamburg als Boxerin regelrecht durchschlägt. Ali kommt aus einem kleinen Roma-Dorf aus Rumänien. Als sie schwanger wird, verstößt sie der Vater und Ali landet später in Deutschland. Wie überzeugend ist das Debüt von Huseyin Tabak?

Frauen und Boxen, das ist immer noch etwas Außergewöhnliches - immerhin ist das Boxen erst seit 2012 auch für Frauen zur olympischen Disziplin aufgestiegen. Inzwischen kommt es auch immer häufiger vor, dass das sogenannte schwache Geschlecht auch im Kino kräftig zuschlägt, am berühmtesten in dem mit vier Oscars ausgezeichneten Film "Million Dollar Baby" von Clint Eastwood oder in "Girlfight" von Karyn Kusama.

Auch in Deutschland steigen Schauspielerinnen wie Katharina Wackernagel in den Kino-Ring ("Die Boxerin"), übrigens auch privat. Und jetzt gibt es einen neuen Film um eine in doppeltem Sinne kämpferische Frau: "Gipsy Queen" von dem kurdisch-deutschen Regisseur Hüseyin Tabak.

Gipsy Queen © filmladen.at
Bild: Gipsy Queen © filmladen.at

Zweite Chancen

Egal, ob Männer oder Frauen im Kino boxen, in der Regel geht es dabei nicht nur um den einzelnen Sieg im Ring, sondern mindestens darum, sich im Leben durchzuboxen.

Als Frau, als Roma, als alleinerziehende Mutter ist die Titelheldin dreifach benachteiligt, darum hat ihr Vater sie nicht nur Ali, nach dem weltberühmten Boxer Muhammad Ali genannt, sondern auch für eine Profikarriere trainiert. So sollte seine Tochter das Stigma der Roma überwinden, für sich selber, aber auch stellvertretend für ihn und den Familienclan.

Als Ali die Boxkarriere für zwei Schwangerschaften aufgibt, ist seine Enttäuschung so groß, dass er sie vor vielen Jahren verstoßen hat. Inzwischen schlägt sie sich in Hamburg mit Gelegenheitsjobs, ackert für 5 Euro die Stunde nachts auf Baustellen und tags als Zimmermädchen. Als sie diesen Job verliert, landet sie als Aushilfe in der St Pauli Kneipe Ritze, in deren Keller der Wirt Boxschaukämpfe veranstaltet. Beim Einsammeln von Flaschen, Gläsern und Aschenbechern springen die Funken der alten Boxleidenschaft wieder über und auch Tanne, der Wirt der Ritze, bemerkt ihre Wut und ihr Talent und bietet an, sie für einen Titelkampf zu trainieren.

Gipsy Queen © filmladen.at
Bild: Gipsy Queen © filmladen.at

Dokumentarische Wahrhaftigkeit

Für Regisseur Hüseyin Tabak ist "Gipsy Queen" vor allem die Geschichte einer kämpferischen Mutter, die in starkem Maße von seiner eigenen Mutter inspiriert ist, die zwar keine Roma ist, aber als Kurdin und alleinerziehende Mutter in Deutschland ganz ähnliche Konflikte erlebt hat, sich selber Lesen und Schreiben beigebracht und eine Karriere als Unternehmerin aufgebaut hat.

Dabei setzt er in starkem Maße auf eine fast dokumentarische Wahrhaftigkeit, in der Darstellung der verschiedenen Milieus, im Familienclan der Roma in Rumänien, ebenso wie in der Kneipenszene von St.Pauli oder unter den illegalen Arbeitssklaven.

Genauso selbstverständlich war für ihn, dass er die Rolle seiner kämpferischen Titelheldin mit einer Roma besetzt, die wiederum 3 Jahre lang dreimal die Woche intensives Boxtraining absolviert hat, um auch im Boxring überzeugen zu können.

Verdient war Alina Serban für diese Rolle auch für den deutschen Filmpreis nominiert. Für seinen so abgehalfterten wie charismatischen St-Pauli Wirt Tanne hat sich der Österreicher Tobias Moretti ein glaubhaft hanseatisches Timbre antrainiert. In weiteren Nebenrollen lassen Aleksandar Ivanovic, Catrin Striebeck und Irina Kurbanova komplexe Lebensgeschichten anklingen.

Schwebend wie ein Schmetterling, stechend wie eine Biene

Mit viel unsentimentaler Zärtlichkeit für die Underdogs der Gesellschaft und einem lässigen Gespür für unterschiedliche Stimmungen und Milieus verwebt Hüseyin Tabak verschiedene Genres und Geschichten, über Immigration und Integration, über den Kampf gegen Vorurteile und Klischees, über zweite Chancen und letzte Hoffnungen. Besonders schön ist auch die imaginäre, stumme Annäherung zwischen der Tochter und dem Geist des verstorbenen Vaters.

Weder auf der menschlichen Ebene noch im Boxring braucht Tabak ein Holzhammer Happy End. Frei nach Muhammed Ali: Schwebend wie ein Schmetterling, stechend wie eine Biene.

Anke Sterneborg, rbbKultur

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