Tommaso Buscetta (Pierfrancesco Favino) im Exil in Braslien © Lia Pasqualino / Pandora Film
Lia Pasqualino / Pandora Film
Bild: Lia Pasqualino / Pandora Film Download (mp3, 5 MB)

Mafiafilm von Marco Bellochio - "Il Traditore - Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra"

Bewertung:

Der Kampf gegen die Mafia beschäftigt Italien seit Jahrzehnten. Einer der Akteure war der Untersuchungsrichter Giovanni Falcone, der in den großen Mafia-Prozessen der 80er Jahre viele der großen Bosse ins Gefängnis brachte und anschließend bei einem Bombenanschlag ums Leben kam. In dem Film “Il Traditore – Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra” erzählt Marco Bellochio Falcones Geschichte nun aus der Sicht von dessen wichtigstem Zeugen.

 

Filme über die Mafia gibt es eine Menge, auch über Giovanni Falcone. Einen Film über Tommaso Buscetta, den "Pentito", den Geständigen, der in den 80er Jahren mit seiner Aussage eine ganze Generation von Mafia-Bossen hinter Gittern gebracht hat, gibt es dagegen noch nicht. Bis jetzt.

Ein Mafia-Boss als Titelheld

Dabei zeigt Bellochio Buscetta (Pierfrancesco Favino) als zwiespältige Figur. Aufgewachsen als Sohn eines Handwerkers in Palermo tritt Buscetta bereits mit 18 Jahren der Cosa Nostra bei, um der Armut zu entkommen. Der smarte junge Mann macht schnell Karriere - vor allem mit Drogenschmuggel und Geldwäsche, doch es gehen wohl auch einige Morde auf sein Konto – auch wenn dies im Film nicht direkt zur Sprache kommt.

"Ehrenmann" oder Verräter?

Anfang der 80er Jahre setzt Buscetta sich nach Brasilien ab, weil er in einem aufkommenden Clan-Krieg um sein Leben fürchtet. Insgesamt 14 Morde in seiner Familie (unter anderem werden seine beiden ältesten Söhne umgebracht) können ihn nicht zur Rückkehr zwingen. Das schafft am Ende die brasilianische Polizei, die Buscettta festnimmt und an Italien ausliefert. Nachdem er zunächst noch versucht, sich in der Untersuchungshaft das Leben zu nehmen, entschließt sich Buscetta schließlich doch zur Aussage und wird so vom "Ehrenmann" zum Verräter – jedenfalls in den Augen seiner ehemaligen Kollegen.

Il Traditore

"Wer von uns beiden stirbt früher?"

Nach dem ziemlich atemlosen Beginn gerät Marco Bellochios Film in der zweiten Hälfte in ruhigeres Fahrwasser. Das ist auch gut so, denn die langen Unterredungen mit dem Untersuchungsrichter Giovanni Falcone (Fausto Russo Alesi) gehören zu den Highlights des Films. Beide Männer wollen ein Ende des Mafia-Systems, wenn auch aus unterschiedlichen Motiven. Falcone ist von der Suche nach Gerechtigkeit getrieben, Buscetta vom Wunsch nach Rache. Angst aber haben sie beide, denn sie wissen: Der Arm der Mafia reicht bis in die höchsten politischen Sphären. “Wer von uns beiden stirbt früher? Das ist doch die entscheidende Frage” gibt Buscetta bei seinem ersten Verhör zu Protokoll.

Die Rückkehr des Kronzeugen

Am Ende ist es der Untersuchungsrichter, der dran glauben muss – 1992 stirbt Giovanni Falcone bei einem Bombenanschlag, bei dem auch seine Frau und drei seiner Leibwächter ums Leben kommen. Tommaso Buscetta lebt zu diesem Zeitpunkt bereits im Zeugenschutz-Programm in den USA. Während die Nation trauert und die Mafiabosse in ihren Gefängniszellen jubeln, entschließt sich Buscetta zur Rückkehr nach Italien. Seine Abrechnung mit der Cosa Nostra ist noch nicht zu Ende..

Für Italien-Kenner*innen interessant, aber kein Blockbuster

"Il Traditore - Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra" lief bereits im vergangenen Jahr im Wettbewerb von Cannes und war sogar als italienischer Beitrag für den Oscar nominiert. Ob der Film jedoch beim deutschen Publikum ähnlich gut ankommt, ist zu bezweifeln - nicht zuletzt, weil Bellochios Geschichte seltsam unfokussiert wirkt. So bleibt am Ende neben ein paar spektakulären Bilder aus dem Gerichtsaal und einer ansprechenden Leistung von Hauptdarsteller Pierfrancesco Favino vor allem viel Zeitkolorit aus dem Italien der 80er Jahre. Das ist für Landeskenner*innen interessant, aber nicht unbedingt der Stoff, aus dem Blockbuster gemacht werden.

Eine Filmkritik von Carsten Beyer, rbbKultur

weitere rezensionen

Ein guter Mensch ; Montage: rbbKultur
Eye See Movies

Türkische Krimi-Drama-Serie - "Ein guter Mensch"

Je älter die Menschen werden, desto häufiger sind sie mit Demenz und Alzheimer konfrontiert. Rund 1,6 Millionen Menschen mit Demenz leben derzeit in Deutschland, Tendenz steigend. Längst schlagen diese Zahlen auch in der Literatur und im Kino durch, in einer Fülle von Erfahrungsberichten und Romanen, in Dokumentationen und Spielfilmen. Für den Helden der türkischen Krimiserie "Ein guter Mensch" (Magenta TV) wird die Krankheit auf subversive Weise zur Chance.

Bewertung:
Midnight Sky © Netflix/Entertainment Pictures/ZUMAPRESS.com
Netflix/Entertainment Pictures/ZUMAPRESS.com

Sciene Fiction-Drama | Netflix - "The Midnight Sky"

Lange haben wir nichts mehr von oder mit George Clooney gesehen - mal abgesehen von Kaffee-Werbespots und einer Tequila-Destillerie, die er für eine Milliarde Dollar verkauft hat. "The Midnight Sky" heißt seine neueste Regiearbeit und ist eine Verfilmung des distopischen Science Fiction-Romans "Good Morning Midnight" von Lily Brooks-Dalton. Der Film ist ein Netflix-Original, dem durchaus Oscar-Chancen eingeräumt werden.

Bewertung:
Bir Başkadır; © Netflix
Netflix

Türkische Drama-Serie | Netflix - "Bir Başkadır – Acht Menschen in Istanbul"

Seit Corona diskutieren Kritiker*innen mehr über Serien als über Filme. Serien gibt es genug und da lassen sich in steter Regelmäßigkeit Entdeckungen machen. Seit November hat Netflix eine türkische Serie im Angebot, mit deren Erfolg wohl niemand gerechnet hat: "Bir Başkadır – Acht Menschen in Istanbul". Die Folgen laufen im Original mit Untertiteln oder auf englisch. Was dem Reiz der Serie allerdings keinen Abbruch tut.

Bewertung: