Jella Haase und Lena Urzendowsky in "Kokon" © Salzgeber & Co. Medien GmbH
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Coming-of-Age-Film - "Kokon"

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Nach "Looping" über drei Frauen unterschiedlichen Alters in der Psychiatrie ist "Kokon" der zweite Film von Leonie Krippendorff. Im Februar feierte er auf der Berlinale Premiere, als Eröffnungsfilm der Jugendfilmreihe 'Generation'. Kurz davor hat das Branchenblatt "Variety" die Regisseurin als eines von zehn europäischen Talenten im Filmgeschäft bezeichnet, die man im Auge behalten sollte. Jetzt kommt "Kokon" in unsere Kinos.

Lena sammelt Schmetterlingsraupen, die sie in Gurkengläsern versorgt, bis aus ihnen ein Falter schlüpft. Auch die vierzehnjährige Nora (Lena Urzendowsky) ist am Anfang des Films noch eine Art Raupe, ein Teenager vor der Verwandlung zum Menschen. Scheu und ernst blickt sie in die Welt, beobachtet mit gesenktem Blick und verschlossener Miene ihre ältere Schwester Jule (Lena Klenke) und deren beste Freundin Aylin, und die anderen Jungs und Mädchen in der Schule, im Club, im Schwimmbad in diesem sehr heißen Sommer des Jahres 2018, in dem der Film spielt: Lena will irgendwie dazugehören, sperrt sich aber zugleich auch dagegen. Sie ist ein typischer Teenager auf der Suche nach seinem Platz in der Welt. Doch bei Lena kommt eine besondere Unsicherheit auf der Suche nach der Identität dazu, die sie ihrer Lehrerin zögerlich anvertraut: "Ich finde andere Mädchen manchmal so schön. Ich glaub, dass ich sie irgendwie anders anschaue, mehr so wie ein Junge sie anschauen würde. Und ich find’s auch schön wenn ich den Körper von nem anderen Mädchen spüre, so beim Rumbalgen..."

Ein Coming of Age als sanftes Coming Out

"Kokon" erzählt die Geschichte eines Coming-of-Age, in dem ein sanftes Coming Out mitschwingt, um das der Film kein großes Aufhebens macht. Magisch werden Noras Blicke von Romy angezogen, einem älteren Mädchen aus einer anderen Klasse. Sie teilt ihre Sinnlichkeit verschwenderisch, mal mit Mädchen, mal mit Jungs und hilft Nora mit ihrer unbefangen offenen Art aus dem Kokon heraus. Jella Haase, die auch schon in Leonie Krippendorffs Debütfilm "Looping" dabei war, verkörpert sie verführerisch, irrlichternd und frei. Es ist hinreißend, dabei zuzuschauen wie Nora in ihrer Gegenwart immer mehr zu sich selbst findet. wie sich dem Leben öffnet und von ihrem Körper Besitz ergreift. Immer freier und schöner wird, während sie schwimmt und tanzt und irgendwann geradezu fliegt, wie die Schmetterlinge, die aus ihren Haustier-Raupen schlüpfen.

Flirrendes Teenager-Lebensgefühl

Seismografisch fühlt sich Leonie Krippendorff in das Teenager-Lebensgefühl ein, das ihr Kameramann Martin Neumeyer in flirrende Bilder übersetzt, deren Konturen sich in gleißendem Sonnenlicht und spritzendem Wasser auflösen. Die traumhaft entrückte Sinnlichkeit wird immer wieder von der Musik aufgenommen und verstärkt. Dazu kommt der Wechsel zwischen verschiedenen Filmformaten, von der Enge des Handybildschirms, den Nora als Filmtagebuch nutzt, über das etwas geräumigere Normalformat zum ausladenden Breitwandformat, wenn die Kids mehr Platz brauchen.

Lebensgefühl der Stadt und des Erwachsenwerdens

Die Multikulti-Welt in Kreuzberg, am Kottbusser Tor, ist authentisch und unmittelbar, fast dokumentarisch eingefangen. Die meisten Jugendlichen im Film leben tatsächlich dort und haben Leonie Krippendorf dabei geholfen, den richtigen Ton zu treffen. Gleichzeitig ist der Ort für Leonie Krippendorf auch ein metaphorischer Schauplatz: "Der Kotti macht ja architektonisch so eine Rundung und fühlt sich an wie so ein Aquarium. Ich fand das schön als Metapher fürs Jungsein, wo man noch so in den Strukturen ist, die eigentlich von jemandem anderen bestimmt sind. Ein Aquarium gibt Schutz, aber man fühlt sich auch gefangen." So ist ein in jeder Hinsicht sinnlicher Film entstanden, mit dem man als Zuschauer ganz direkt ins Lebensgefühl der Stadt und des Erwachsenwerdens eintauchen kann.

Eine Filmkritik von Anke Sterneborg, rbbKultur

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