Christopher Nolan und John David Washington bei den Dreharbeiten zu "Tenet" foto: Melinda Sue Gordon/www.imago-images.de
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Science-Fiction-Thriller - "Tenet"

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Das gab es lange nicht mehr: richtig großes Kino mit enormen Schauwerten und Stars wie Robert Pattinson, Michael Caine, Kenneth Branagh, gedreht in 70mm: "Tenet" ist das neue, schon lange von vielen sehnsüchtig erwartete Werk von Christopher Nolan, dessen Filme ("Inception", "The Dark Knight Rises", "Interstellar") fast immer auch ein irrwitziges Gedankenspiel sind. Wegen Corona wurde der Film mehrfach verschoben, jetzt kommt er in Europa sogar ausnahmsweise ein paar Tage früher in die Kinos als in Amerika.

Übersetzt heißt "Tenet" Grundsatz, Dogma, Lehre. Im Film ist "Tenet" eine Art 'Sesam, öffne Dich', das die richtigen, aber auch ein paar falsche Türen öffnet, über das man zunächst aber gar nicht viel weiß. Der Film beginnt mit einem furiosen Angriff auf ein Konzerthaus, bei dem sich unter die Terroristen aus dem Ostblock amerikanische Agenten mischen.

Amerikanischer Bond

Nachdem der Brite Christopher Nolan seit langem sein Interesse an einem Bond-Abenteuer kundgetan hat, konnte er sich diesen Traum nun in gewisser Weise erfüllen, denn "Tenet" hat viele Zutaten eines klassischen Bond-Films: spektakuläre Action-Szenen, exotische Schauplätze auf der ganzen Welt (Oslo, Dänemark, Amalfiküste, Mumbai, Kalifornien, Vietnam, Russland), schlagfertige Dialoge, eine schöne, geheimnisvolle Frau (Elisabeth Debicki), einen russischen Oligarchen als Super-Bösewicht und allen voran einen eleganten Spitzenagenten, der hier namenlos als "der Protagonist" operiert.

Natürlich geht es um die Rettung der ganzen Welt, der Dritte Weltkrieg soll verhindert werden. Die Bedrohung kommt aus der Zukunft, denn der Bösewicht kann durch Inversion die Zeit manipulieren.

Gedankenspiele über das Kontinuum der Zeit

Für den Film heißt das vor allem, dass es immer wieder zu optischen Irritationen kommt: eine Kugel rast aus einer sich schließenden Wand zurück in den Revolverlauf, ein Gebäude wird zerbombt und baut sich im Zeitraffer wieder auf, in einer irrwitzigen Verfolgungsjagd auf der Autobahn taucht ein rückwärts fahrendes Auto auf. So wie der Titel des Films, "Tenet", als Palindrom von vorne und von hinten gelesen werden kann - und zugleich von der Mitte in beide Richtungen nach außen das Wort "net"/"Netz" formt - funktioniert auch der Film. Vergangenheit und Zukunft sind immer wieder ineinander gespiegelt, laufen in einem Wettlauf gegen die Zeit aufeinander zu und voneinander weg, wodurch die Sehgewohnheiten immer wieder auf faszinierende Weise herausgefordert und gesprengt werden.

Immer wieder hat Christopher Nolan in seinen Filmen die Kontinuität der Zeit in Frage und auf die Probe gestellt, angefangen mit "Memento", in dem der Held sein Kurzzeitgedächtnis verloren hatte und entsprechende Schwierigkeiten hatte, den Mörder seiner Frau aufzuspüren. Sogar in dem Kriegsfilm "Dunkirk" spielte er mit der Zeit, indem er eine entscheidende Kriegsepisode in drei Zeitebenen, innerhalb einer Woche, eines Tages, einer Stunde durchspielt. In "Tenet" stellt Nolan jetzt die Frage, was wäre, wenn jemand mit sehr bösen Absichten in der Lage wäre, die Zeit zu manipulieren und mit dem Wissen der Zukunft die Vergangenheit verändern könnte - ein alter Menschheitstraum.

Christopher Nolan und John David Washington bei den Dreharbeiten zu "Tenet" foto: Melinda Sue Gordon/www.imago-images.de
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Aberwitzige Action und irrwitziges Gedankenspiel

In erster Linie ist "Tenet" spektakuläres, rasantes Action-Kino mit tollen Schauwerten, treibender Musik, furiosen Kamerafahrten und Schnittfolgen, alles in allem also große Unterhaltung, die Christopher Nolan aber zugleich für irrwitzige Gedankenspiele nutzt. Sicher, manchmal schwirrt einem der Kopf und im Unterschied zu dem ja auch schon ziemlich aberwitzigen Traum-Thriller "Inception" ist "Tenet" weniger verspielt fantasievoll, dafür bedrohlicher, martialischer, dabei aber immer so faszinierend, dass man am liebsten gleich noch mal reingehen würde - und sei es nur um zu prüfen, ob das wirklich alles stimmig ist, wovon man bei dem Mastermind und Tüftler Nolan ausgehen kann.

Regisseur Christopher Nolan beim Filmfestival Cannes 2018 foto: Invision/AP Photo/Arthur Mola/dpa
Bild: Invision/AP Photo/Arthur Mola/dpa

Quantensprung

Überraschend für einen ultrateuren Blockbuster, der immerhin über 200 Millionen Dollar gekostet hat, ist, dass zumindest Hauptdarsteller John David Washington (Sohn von Denzel Washington) noch nicht zu Hollywoods A-Liga gehört, so wie einst Leonardo DiCaprio in "Inception". Aber der Schauspieler, auf den Nolan in "BlacKkKlansman" aufmerksam wurde, hat echtes Charisma und kann neben den spektakulären Effekten (die weitgehend analog hergestellt wurden) Präsenz zeigen. Als optimistisches Zeichen für die Black Lives Matter-Bewegung ist er zudem ein schwarzer Hauptdarsteller in einem Film, der viel zu sehr mit raffinierten anderen Dingen beschäftigt ist, um das zu thematisieren. Der Quantensprung, den die darbende Kinobranche in Corona-Zeiten braucht, er könnte "Tenet" durchaus gelingen!

Eine Filmkritik von Anke Sterneborg, rbbKultur

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