Die Misswahl: Die Unterstützerin des Women's Liberation Movement Sally (Keira Knightley, links) und Teilnehmerin "Miss Grenada" Jennifer (Gugu Mbatha-Raw) treffen bei der Miss-World-Wahl aufeinander.; © eOne Germany
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Britische Drama-Komödie - "Die Misswahl - Der Beginn einer Revolution"

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100 Millionen Zuschauer saßen 1970 weltweit vor den Fernsehern, um die in der Londoner Royal Albert Hall abgehaltene Wahl zur "Miss World" zu verfolgen. Die Drehbuchautorinnen Rebecca Frayn und Gaby Chiappe und die Regisseurin Philippa Lowthorpe haben daraus den Film "Die Misswahl – Der Beginn einer Revolution" gestrickt - prominent besetzt mit Keira Knightley.

Die TV-Übertragung lockte somit allen Ernstes mehr Zuschauer vor die Bildschirme, als die großen Fernseh-Events Mondlandung und World Cup Finale. Was immer dort also geschieht, hat enorme Auswirkung auf das Frauenbild, sei es auf reaktionäre, sei es auf revolutionäre Weise. In Zeiten von #MeToo birgt der Film auch 50 Jahre nach den Ereignissen noch eine sehr aktuelle Botschaft.

Miss World spielen und Popel essen

Von Anfang an geht es darum, dass Frauen von Männern beurteilt werden. Das gilt nicht nur für die Konkurrentinnen um den Titel der Miss World, sondern auch für die junge geschiedene Mutter Sally Alexander (Keira Knightley), die sich vor einem komplett aus Männern bestehenden Komitee für die Zulassung zum Geschichtsstudium an einer Londoner Universität bewirbt – oder besser: rechtfertigen muss.

Und dann kommt Sally nach Hause, wo ihre Mutter mit ihrer kleinen Enkelin "Miss World" spielt: schminken, rausputzen, posieren. Ein kleines, etwa sechsjähriges Mädchen mit Lippenstift und Rüschenkleidchen in aufreizender "Ich-will-den-Männern-gefallen"-Pose: Sally ist gar nicht amüsiert und die Bemerkung, dass sie und ihre Schwester als Kind auch gern Miss World gespielt hätten, kontert sie knapp: "Damals haben wir auch gern unsere eigenen Popel gegessen!"

Die Misswahl: Nachdem sie ein Plakat 'umgestaltet' hat, flieht Jo (Jessie Buckley, rechts) gemeinsam mit Sally (Keira Knightley, links) vor der Polizei.; © eOne Germany
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Mehlbomben und Kinderrasseln

Mit anderen Worten: die Zeiten ändern sich. Oder besser: Sie sollten sich ändern! Selbst die Organisatoren der Miss World-Wahl 1970 spüren, dass sich Widerstände regen. Gegründet wurde die Misswahl von dem Ehepaar Eric und Julia Morley 1951, zunächst als einmaliges Event zur Einführung des Bikinis. 1970 ist die Vorherrschaft der Männer noch unverrückbar zementiert, selbst Sallys Mutter hat keinerlei Sympathie für den Kampf ihrer Tochter: "Dieses ganze Rumgejammere über das Patriarchat. Andere Mädchen sind vollkommen zufrieden mit dem, was sie haben …"

Zusammen mit den jungen Aktivistinnen aus der Arbeiterklasse engagiert sich Sally für Gleichberechtigung, die Misswahl bietet dafür eine perfekte Steilvorlage: Die Frauen beschließen, sich ins Publikum zu mischen und öffentlichkeitswirksam vor 100 Millionen Zuschauern weltweit lautstark zu protestieren – mit Mehlbomben, Kinderrasseln und Pfiffen. Der Sturm bricht spontan los, als Moderator Bob Hope mit schmierigen Scherzen vom Leder zieht: "Bitte halten Sie mich nicht für einen Rüpel, der nie eine Frau im Team haben will, ich bin immer gerne mit einer Frau intim!"

Die Misswahl: Bei den Teilnehmerinnen der Miss World, hier bei Miss Grenada (Gugu Mbatha-Raw), wird Maß genommen.; © eOne Germany
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Ein amüsanter und zugleich bissiger Tanz der Widersprüche

Philippa Lowthorpes nicht sonderlich origineller Inszenierungsstil verrät zwar ihre Herkunft vom Fernsehen. Aber die Art, wie sie den Sturm und Drang der Achtundsechziger und den Modestil der 70er-Jahre zum Leben erweckt, ist ansteckend und mitreißend. Indem sie die vielen verschiedenen Perspektiven flott zusammenkompiliert, bringt sie die Widersprüche zum Tanzen. Dazu gehört auch, dass die Sache für die erste schwarze Gewinnerin aus Grenada schon wieder ganz anders aussieht: "Weißt Du, kleine Mädchen werden heute Abend zusehen, und die werden sich danach anders sehen, weil ich gewonnen hab, die vielleicht anfangen zu glauben, dass man nicht weiß sein muss, um einen Platz in der Welt zu haben."

Vielschichtig und schillernd ist auch das Ensemble der Schauspieler um Keira Knightley, die ihren Star-Glamour mit feinem Understatement herunterspielt. Zusammen mit Jessie Buckley, Gugu Mbatha-Raw, Rhys Ifans, Lesley Manville und Greg Kinnear als sehr schmieriger Bob Hope jongliert sie virtuos mit schlagfertigen Dialogen, die Geschlechterungerechtigkeiten aufspießen wie die Nadel den Schmetterling. Dabei lebt der Film auch von der sehr britischen Kunst, soziale Ungerechtigkeiten mit subversivem Witz zur Feelgood-Komödie zu drehen.

Eine Filmkritik von Anke Sterneborg, rbbKultur

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