Meine wunderbar seltsame Woche mit Tess
Bild: Les Films du Préau

Kinder- und Jugendfilm - "Meine wunderbar seltsame Woche mit Tess"

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Die Kinder-und Jugendfilmreihe Generation auf der Berlinale ist bekannt dafür, tolle Filmentdeckungen aus aller Welt zu präsentieren. Auch der Film, über den wir jetzt sprechen wollen, ist dort im letzten Jahr gelaufen. Jetzt kommt "Meine wunderbar seltsame Woche mit Tess" in die deutschen Kinos. Die Verfilmung eines Jugendromans der Niederländerin Anna Woltz ist das Langspielfilmregiedebüt von Steven Wouterlood.

Ferien mit Tiefgang

Der zehnjährige Sam verbringt mit seinen Eltern und seinem älteren Bruder eine Ferienwoche am Strand, auf der niederländischen Insel Terschelling. Da Sam ein sehr nachdenkliches Kind ist, spielt und tobt er nicht nur, sondern liegt auch mal in einem tiefen Loch im Sand und denkt über das Leben nach. Als ihm klar wird, dass alle Tiere und Menschen sterben müssen, und dass er als Jüngste in seiner Familie am Ende womöglich zurückbleibt, beginnt er sich mit einem "Alleinheitstraining" vorzubereiten, jeden Tag ein bisschen länger.

Und dann lernt er Tess kennen, die mit ihrer Mutter auf der Insel lebt und gerade alles daransetzt, ihren Vater kennen zu lernen, der keine Ahnung hat, dass er vor zwölf Jahren im Argentinien-Urlaub ein Kind gezeugt hat. Im Fotoalbum ihrer Mutter hat Tess seinen Namen auf einer eingeklebten Autovermietungsrechnung gefunden, über Facebook erfährt sie eine Menge über ihn und seine Vorlieben und lässt ihm als Überraschungspreis eine Einladung ins Ferienhaus der Mutter zukommen. Aber was, wenn sie diesen Menschen gar nicht mag? Sicherheitshalber organisiert sie ein Ferien-Kennenlernprogramm mit Picknick, Schnitzeljagd und Strandfest.

Erinnerungen sammeln

"Meine wunderbar seltsame Woche mit Tess" ist ein Kinderfilm, der luftige Ferienstimmungen auf ungezwungene Weise mit existenziellen Themen über den Sinn des Lebens und den Wert der Familie verknüpft. Einerseits Familienurlaub mit Meeresrauschen und Möwengekreisch über idyllische Dünenlandschaften, andererseits ein frühes Coming of Age für einen zehnjährigen Jungen, der anders als die meisten seiner Altersgenossen nicht ständig am Smartphone mit Netzfreunden kommuniziert.

Der ganze Film ist aus seiner nachdenklichen, aufmerksamen Perspektive erzählt, während Tess mit ihrem wilderen verrückteren, impulsiveren Temperament quirliges Leben hineinbringt. Dazu gesellt sich ein illustres Inselvölkchen, die junge Fischbüdchen-Verkäuferin, die flippige Mutter von Tess, ein Fahrradladenbesitzer, und vor allem ein einsamer alter Strandsammler, der von den Erinnerungen an seine verstorbene Frau zehrt und Sam mit einer wichtigen Erkenntnis versorgt:

Das Leben spielt sich vor allem da ab, im Kopf, und da ist sie noch quicklebendig. Ich hab alle Momente behalten, die wir zusammen hatten, ich wünschte es wären mehr gewesen, aber manche Menschen sammeln Geld, andere sammeln Briefmarken, neulich hab ich von einem Mann gehört, der Kinder-Überraschungseier sammelt. Sammele möglichst viele Erinnerungen, gemeinsame Momente, bevor es zu spät ist…“

Moderne Lindgren-Kinder

Ein großes Glück für den Film sind die Kinderdarsteller, die weit entfernt sind, von den üblichen altklugen Kindern, die man sonst so oft in Kino und Fernsehen zu sehen bekommt. Vor allem Josephine Arendsen als Tess zeigt bereits echte Persönlichkeit, sie ist wild und eigenwillig, verrückt und entschlossen und wirkt mit roten Haaren und funkelnd blauen Augen fast wie eine moderne, geerdete Pippi Langstrumpf.

Sonny Coops van Utteren als Sam ist zwar ein ausgesprochen hübscher Junge, wirkt aber dennoch natürlich und wahrhaftig. Zusammen mit den Salsa-Klängen des Soundtracks und dem Ferien-am Meer Feeling der Bilder ist "Meine wunderbar seltsame Woche mit Tess" ein besonderer Kinderfilm, der kindgerecht erzählt ist, ohne die Erwachsenen zu langweilen.

"Meine wunderbar seltsame Woche mit Tess"
Niederlande/Deutschland 2019
Regie: Steven Wout erlood
Mit: Josephine Arendsen, Sonny Coops van Utteren, Julian Ras u.a.

Filmstart: 3. September 2020

Eine Filmkritik von Anke Sterneborg, rbbKultur

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