Szene aus dem Animationsfilm "Ruben Brandt, Collector" (2018)
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Bild: imago images / Everett Collection

Animationsfilm - "Ruben Brandt, Collector"

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Animationsfilme werden geliebt – vor allem von Kindern. Und gerade jetzt, wo die Weihnachtszeit naht, haben sie wieder Hochkonjunktur. Immer wieder gibt es allerdings auch Animationsfilme für Erwachsene – eine Entdeckung ist da das ungarische Werk "Ruben Brandt, Collector", das jetzt in die Kinos kommt.

Im Sommer 2018 war es, dass "Ruben Brandt, Collector" beim Filmfestival in Locarno das Publikum zu wahren Begeisterungsstürmen hinriss. Trotzdem dauerte es dann noch einmal zwei Jahre, bis sich ein Verleih fand, der das Film-Debüt des Multitalents Milorad Krstić jetzt in die deutschen Kinos bringt. "Ruben Bandt, Collector" - was für ein sperriger Titel für ein visuelles Feuerwerk. Die Hauptfigur Ruben Brandt ist ein Mann, der die Kunst liebt: die Kunstgeschichte in- und auswendig kennt, ein gefeierter Kunsttherapeut. Doch seit einigen Wochen kann Ruben Brandt nicht mehr schlafen: "Meine Albträume werden von Mal zu Mal schlimmer. Mich greifen immer wieder Figuren aus berühmten Bildern an."

Figuren der Kunstgeschichte bevölkern Rubens Träume

Da entsteigt Botticellis Venus dem Wasser, um Ruben mit sich in die Tiefe zu ziehen, Manets Olympia lockt ihn mit schmeichelnden Worten, um dann ihre Katze auf ihn zu hetzen oder Velazquez‘ Infantin lässt sich von Ruben retten, nur um ihn von der Brücke zu schleudern. Diese Figuren der Kunstgeschichte bevölkern Rubens Träume seit dem Tod seines Vaters. Verzweifelt sucht er nach einem Weg, seinen Albträumen ein Ende zu setzen. Und beschließt, die Kunstwerke aus den berühmtesten Museen der Welt stehlen zu lassen, sie zu sich zu holen. Nur so, glaubt er, ihnen ihre Macht über seine Träume nehmen zu können. Unterstützung holt Ruben sich bei seiner aufreizend furchtlosen Patientin Mimi und ihren Kompagnons, die alle wegen Kleptomanie bei Ruben in Behandlung sind.

Ich wette, das Diktiergerät gehörte mal Sigmund Freud! – Gelächter – Jetzt ernsthaft, Jungs, wollt ihr ihm nicht helfen? – Was können wir da schon machen? – ich vermute, du hast bereits einen Plan? – Ja, genau genommen habe ich einen. Und der betrifft uns alle hier. – Es gibt nur eine Sache, in der wir richtig gut sind. Ganz genau. – De Doc ist ein sympathischer Typ. Aber was springt für uns dabei raus? – Wollt ihr nicht wissen, ob die Therapie euch was bringt? – Lasst uns das mal checken. – Stoßen an.

Tolle Bilder, überfrachteter Plot

Meisterdiebe machen Jagd auf dreizehn Meisterwerke der Kunstgeschichte. Raffiniert und gekonnt. Ihnen geht es nicht um die Kunst, für sie ist es ein Spiel. Für ihren Auftraggeber aber die Erlösung. Erzählt wird diese Geschichte als Thriller. In einer atemberaubenden Geschwindigkeit, die einem James Bond in nichts nachsteht. Da reihen sich Actionszenen an Verfolgungsjagden durch das nächtliche Paris, es gibt akrobatische Kampfeinlagen auf Hochhausdächern oder in verrauchten Jazzclubs – all das quer über die Kontinente, in den Metropolen der Welt.

So ein Wettlauf zwischen Kunstdieben und dem auf sie angesetzten Privatdetektiv: das ist nichts Neues. Doch besonders, fast surreal ist die Umsetzung.

Die Figuren erinnern an Picassos kubistische Phase, tragen mal nur ein oder auch drei Augen, sind auch mal zweidimensional. Jedes einzelne Bild ist mit großer Liebe zum Detail ausgestattet. Man kann sich kaum satt sehen, viel gibt es zu entdecken.

Während der Plot des Films, so klug und humorvoll hier auch erzählt wird, überfrachtet ist. Da gibt es die Geschichte von Rubens Vater, der während der Nazi-Zeit an unheilvollen Experimenten beteiligt war. Oder es gibt einen Bruder von dessen Existenz Ruben erst jetzt zufällig erfährt: familiäre Konstellationen, die sich wie Schlingpflanzen um den unglücklichen Kunstliebhaber ranken. Der weiß selbst nicht, wie ihm geschieht und was seine Träume ihm sagen wollen - und die Kommentare seines eigenen Therapeuten helfen da auch nicht weiter.

Es war mein Lieblingscartoon. - Ah, die kleine Meerjungfrau. – Aber irgendwie konnte ich ihn nicht mehr ansehen. Ich bekam Angst und wollte nur noch weg. - Erinnerst du dich an die Meerhexe? Glaubst sie steht in Verbindung mit deinem nächsten Besuch bei Botticellis Venus? - Ich will nicht darüber reden. – Sieh mich an! Wenn du dir nicht von mir helfen lässt, wirst du dich selber umbringen oder jemand anderen.

Vielversprechendes Langfilm-Regiedebüt

Das Ganze ist untermalt von einem Soundtrack von Schubert über Jazz bis zu Britney Spears: fetzig, rhythmisch, mitreißend. "Ruben Brandt, Collector" zitiert anspielungsreich aus der Film-, Musik- und Kunstgeschichte – das aber muss niemandem Angst machen.

Auch ohne hier bewandert zu sein, erschließt sich der ästhetische Wagemut des heute 68-jährigen Ungarn Milorad Krstić. Der Multimediakünstler und Fotograf machte schon 1995 bei der Berlinale mit einem achtminütigen Kurzfilm auf sich aufmerksam. Mit "Ruben Brandt, Collector" legt er nun sein inspirierendes und vielversprechendes Langfilm-Regiedebüt vor. Der Mann lässt sich Zeit. Es hat sich gelohnt.

Eine Filmkritik von Christine Deggau, rbbKultur

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