FilmskillUnd morgen die ganze Welt (Bild: ALAMODE FILMDISTRIBUTION)
Bild: ALAMODE FILMDISTRIBUTION

Drama - "Und morgen die ganze Welt"

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Artikel 20 unseres Grundgesetzes: "Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung ausgeübt (…) Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist." Wie das konkret aussehen könnte, hat Julia von Henze in ihrem neuesten Spielfilm "Und morgen die ganze Welt" durchgespielt.

Luisa (gespielt von Mala Emde) ist 20 Jahre alt, kommt aus gut situiertem Hause, wo man sich am Wochenende auch mal zur Jagd trifft. Sie hat gerade mit dem Jurastudium angefangen und möchte zuhause ausziehen, und zwar in die linksautonome Kommune, in der ihre beste Freundin Batte wohnt. Zuerst aber muss sie sich vorstellen und bewähren. Von den Aktivisten wird sie misstrauisch beäugt und befragt, aber dass sie Jura studiert gefällt ihnen, denn vielleicht kann sie ja dabei helfen, die Kommune und ihre Arbeit zu legalisieren.

Legal oder nicht legal, das ist die Frage, um die der Film über linkspolitischen Aktionismus kreist. Der Titel entstammt dem in Deutschland verbotenen Lied "Es zittern die morschen Knochen" von Hans Baumann, ein Kampflied der Hitlerjugend: "Heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt".

Wie weit gehen im Kampf gegen rechts?

Überall in Deutschland mobilisieren sich rechtsnationale Kräfte und für die jungen Linken stellt sich die Frage: wie weit darf oder muss man sogar gehen, im Kampf gegen rechts? Luisas Freundin Batte setzt auf friedlichen Widerstand. Der attraktive Alfa (Noah Saveedra aus der Finanzkrisen-Serie "Bad Banks") ist dagegen leidenschaftlicher Vertreter aggressiver Methoden: "Gewaltfreier Widerstand gegen Nazis, das ist absoluter Schwachsinn! Ich hab kein Problem damit, irgend so einen Arsch auch mal für drei Tage ins Krankenhaus zu schicke. Vielleicht rette ich damit ein Leben."

Reicht gewaltfreier Protest?

An der Uni sieht die Jura-Studentin Luisa vor allem die Grenzen des Rechtsstaates, schnell gerät sie in den Sog der Gewalt: Bei einer Kundgebung kann sie das Handy eines der Drahtzieher der rechten Szene von Mannheim sichern - mit Informationen über eine geplante Großkundgebung. Die jungen Linksautonomen kundschaften den ländlichen Veranstaltungsort aus, als sie Sprengstoff finden, stellen sich die Fragen zu Risiken und Nebenwirkungen noch akuter. Mit den ersten gewalttätigen Auseinandersetzungen kommt auch die Kommune ins Blickfeld der Polizei: "Seid ihr eigentlich bescheuert?" schmettert Batte ihren Freunden entgegen: "Bis gestern war das P81 ein gemeinnütziger Verein, jetzt sind wir eine kriminelle Vereinigung!"

Mala Emde (M) als Luisa in einer Szene des Films "Und morgen die ganze Welt" foto: Alamode Film/dpa
Bild: Alamode Film

Filmemachen als Form des politischen Aktivismus

Recherchieren musste Julia von Heinz nicht viel, denn die 1976 in Berlin geborene Regisseurin konnte aus persönlichen Erfahrungen schöpfen: "Ich war selber die gesamten Neunziger Jahre in der Antifa. Damals waren Neonazis plötzlich präsent, das war ein ganz neues Phänomen, es gab plötzlich viele von diesen Jugendgruppen und ich hab mich da politisiert. Das war eine sehr wichtige und intensive Zeit in meinem Leben, die mich stark geprägt hat. Und schon damals hab ich mich hingesetzt und ein Drehbuch geschrieben."

Das Filmemachen begreift Julia von Heinz also durchaus als Form des politischen Aktivismus im Sinne von: Fragen stellen, Diskussionen anregen, Aufmerksamkeit wecken. Vor allem mehr tun, als nur auf dem Sofa ein bequemes Like oder Wut-Smiley vom Handy abzuschicken. 2015 haben sie und ihr Lebensgefährte und Co-Autor des Drehbuchs John Quester entschieden, ihre Geschichte nicht historisch in den Neunzigern zu verankern, sondern gegenwärtig zu erzählen, weil das Thema Rechtsradikalismus plötzlich wieder so virulent war.

Szene aus dem Film "Und morgen die ganze Welt"
Szene aus dem Film "Und morgen die ganze Welt"Bild: Alamode Film

Vibrierende Unmittelbarkeit

Entsprechend unmittelbar und dringlich wirkt jetzt auch der Film, immer ganz nah dran an Luisa, die um ihre eigene Position ringt. Die junge, noch weitgehend unbekannte Schauspielerin Mala Emde macht den Wirbelsturm der Gefühle transparent, den jugendlichen Sturm und Drang, die Empörung, die Angst, die Zweifel, die Wut. Und die Kamera von Daniela Knapp, die auch schon dem konsumkritischen Aktivismus von Hans Weingärtners Film "Die fetten Jahre sind vorbei" eine vibrierende Unmittelbarkeit gegeben hat, überträgt diese widersprüchlichen Gefühle seismografisch auf den Zuschauer. Gegen eindeutige Antworten und klare Lösungen sperrt sich dieser Film auf so beunruhigende wie mutige Weise.

"Und morgen die ganze Welt", der gerade auch als deutscher Beitrag zum Oscar-Rennen eingereicht wurde, läuft ab 29. Oktober in mehreren Berliner Kinos - vorerst allerdings nur bis Sonntag. Falls sie wegen steigender Infektionszahlen Bedenken haben: Die Kinos gehören zu den Orten, an denen die Abstands-, Hygiene- und Nachverfolgungsregeln am zuverlässigsten umgesetzt werden: In der Tat ist weltweit kein einziger Fall bekannt, in dem eine Corona-Infektion mit einem Kinobesuch in Verbindung gebracht wurde. Bis inklusive Sonntag, den 2.11. ist ein Kinobesuch möglich.

Anke Sterneborg, rbbKultur

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