Vergiftete Wahrheit © Mary Cybulski/TOBIS Film GmbH/dpa
Bild: Mary Cybulski/TOBIS Film GmbH/dpa

Thriller nach wahrer Begebenheit - "Vergiftete Wahrheit"

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Der Film "Vergiftete Wahrheit" erzählt eine wahre Geschichte, den Kampf eines Farmers gegen den Chemiegiganten DuPont. Der Independent Regisseur Todd Haynes hat aus dem Gerichtsfall einen Thriller im Horrorlook gemacht.

Der Umweltskandal, von dem "Vergiftete Wahrheit" handelt, wurde zwar in den Vereinigten Staaten aufgedeckt, beschäftigt aber die ganze Welt. Die chemische Substanz, um die es geht, heißt Perfluoroctansäure, kurz PFOA. Sie wurde eingesetzt, um Oberflächen so zu imprägnieren, dass Wasser oder Öl abperlen. Am bekanntesten im Alltagsgebrauch ist die Teflon – Beschichtung.

Vergiftete Wahrheit © Mary Cybulski/TOBIS Film GmbH/dpa
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Erinnerungen an "Erin Brockovich"

Der spannende Film von Todd Haynes rekonstruiert, wie verseuchter Abfall aus der Produktion unkontrolliert auf einer ländlichen Deponie in West Virginia verklappt wurde, ins Trinkwasser sickerte und furchtbare Schäden bei Mensch und Tier anrichtete. PFOA ist quasi unkaputtbar, es baut sich nicht ab. Inzwischen ist die Chemikalie wahrscheinlich überall in die Böden oder ins Wasser gelangt. "Dark Waters" heißt der Film im Original. Die EU hat die Produktion dieser Substanz ab diesem Jahr verboten.

"Vergiftete Wahrheit" erinnert ein bisschen an "Erin Brockovich" von Steven Soderbergh. Ein Farmer beobachtet, wie seine Kühe verenden und kontaktiert einen Rechtsanwalt. Rob Bilott, das reale Vorbild für diese Filmfigur bekam 2017 den Right Livelihood Award für sein Engagement verliehen und war, anders als Erin Brockovich, eigentlich für die Wirtschaft tätig.

Ein grandioser Auftritt von Hulk-Darsteller Mark Ruffalo

"Vergiftete Wahrheitr" ist offenbar ein Herzensprojekt von Mark Ruffalo, der einem breiten Publikum vielleicht eher als "Hulk" bekannt ist. Diese Rolle ist das glatte Gegenteil, und Ruffalo spielt sie grandios. Er duckt sich, zieht den Kopf zwischen die Schultern, spannt seinen gedrungenen Körper stämmig zusammen, macht aus dem Aktenfressen einen athletischen Vorgang und vermittelt dabei den Eindruck beherrschter Hartnäckigkeit.

Rob Bilott gehört zu einer Kanzlei, die eigentlich große Unternehmen vertritt. An diesen Mandanten kommt er per Zufall. Der Farmer Wilbur Tennent ist ein Nachbar seiner Großmutter. Erst will Bilott nichts mit der Geschichte zu tun haben, dann lässt er sich überreden und muss die Firma DuPont verklagen, die bisher zu den Kunden seiner Kanzlei gehörte. Das heißt, man kennt sich, man trifft sich bei Konferenzen und Dinners und auf einmal steht Rob Bilott auf der anderen Seite. Interviewausschnitte mit dem Anwalt lassen vermuten, dass Bilott kein Rebell ist, sondern eher ein Patriot. Was in diesen Aufnahmen aber vor allem auffällt, ist sein fast unheimlich ruhiger Blick. Ruffalo spielte diese Ruhe, nur ein Zittern der Hand verrät die Selbstbeherrschung.

Leider fällt die Rolle von Bilotts Ehefrau sehr diskret aus. Anne Hathaway ist da als Partnerin verschenkt und privat bleibt der Anwalt einfach nur sehr still. Das ist vielleicht realistisch, aber im Kino wünschte man sich an dieser Stelle mehr Dialog.

Kult-Regisseur Haynes hält sich an die Regeln des klassischen Thrillers

Todd Haynes hat sich bisher als großer Stilist einen Namen gemacht, der mit einem sehr konsequenten Farbkonzept arbeitet. Bei "Carol" war es die Farbe Rot, die immer dann als Signal aufleuchtete, wenn sich die beiden verliebten Frauen näher kamen. In "Vergiftete Wahrheit" ist es ein kaltes Quecksilbergrau. Zwar kann erklingt bei Rob Bilotts Fahrt durch West Virginia im Hintergrund heimatsüchtige Country-Musik, wenn aber der Farmer die deformierten Hufe oder die riesigen Geschwüre seiner verstorbenen Rinder aus der Kühltruhe holt, dann fühlt man sich wie im Horrorfilm. Später wandelt sich das toxische Grau in Aktengrau, denn scheinbar kollegial stellt die Firma DuPont dem Anwalt alle Unterlagen zur Verfügung. Begräbt ihn förmlich unter Papier.

Todd Haynes ist von Mark Ruffalo für das Projekt engagiert worden und in diesem Fall hält er sich an die Regeln des klassischen Thrillers. Sehr klug nimmt sich der Regisseur da zurück und lässt der wahren Geschichte den Vortritt.

Eine Filmkritik von Simone Reber, rbbKultur

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