Winterreise, hier: Bruno Ganz als Günther Goldsmith; © Real Fiction Filmverleih
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Filmessay mit Bruno Ganz - "Winterreise"

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Bruno Ganz war ein Charakterdarsteller im wahrsten Sinne des Wortes: eine beeindruckende Erscheinung auf der Bühne und auf der Leinwand. Nun ist er ein letztes Mal – posthum – im Kino zu sehen: In Anders Østergaards Dokudrama "Winterreise" spielt Ganz den jüdischen Musiker George Goldsmith, der 1941 aus Nazi-Deutschland in die USA floh.

"Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus." Mit einem berühmten Zitat aus Franz Schuberts "Winterreise" beginnt dieser Film. Die Reise, von der hier erzählt wird, ist der Lebensweg von George Goldsmith - einem Mann, der von den Zeitläuften des 20. Jahrhunderts schwer gebeutelt wurde und der trotzdem versucht hat, seiner großen Liebe treu zu bleiben: der klassischen Musik.

Vielschichtige Erzählform

Für die "Winterreise" haben der dänischen Dokumentarist Anders Østergaard und seine ungarische Co-Regisseurin Erzsebet Racz eine sehr vielschichtige Erzählform gewählt. Spielszenen aus den 30er Jahren, den 60er Jahren und der Gegenwart fließen ineinander. Dazu kommen Dokumentaraufnahmen aus der Nazizeit und immer wieder die Gespräche zwischen Vater und Sohn Goldsmith, die das erzählerische Rückgrat des Films bilden.

Winterreise, hier: Günther Goldschmidt in jungen Jahren; © Real Fiction Filmverleih
Bild: Real Fiction Filmverleih

Aus Goldschmidt wird Goldsmith

George Goldsmith wird kurz nach Ende des 1. Weltkriegs als Günther Goldschmidt in Oldenburg geboren. Ein Besuch der "Zauberflöte" weckt in ihm schon als kleiner Junge die Liebe zur Querflöte. Er besucht ein Musikgymnasium und geht anschließend an die Musikhochschule nach Karlsruhe, um dort bei einem der besten Lehrer Deutschlands Unterricht zu nehmen. 1935 aber kommen die Nürnberger Rassengesetze: Günther/ George muss die Uni verlassen und darf fortan nur noch als Mitglied des Jüdischen Kulturbunds auftreten – einer Selbsthilfeorganisation jüdischer Künstler, die von den Nazis als eine Art Feigenblatt geduldet wurde, um das Ausmaß der Judenverfolgung vor der Weltöffentlichkeit zu verschleiern. 1941 wird der Kulturbund aufgelöst. Seine Gründer wie der Berliner Dirigent Kurt Singer kommen ins KZ. Goldschmidt und seiner Frau Rosemarie gelingt in höchster Not die Flucht in die USA.

Unbequeme Fragen

"Die unauslöschliche Symphonie. Musik und Liebe im Schatten des Dritten Reiches" – so heißt das Buch, auf dem Østergaards und Raczs Folm basiert. Darin hat der US- amerikanische Radiomoderator Martin Goldsmith Gespräche dokumentiert, die er kurz vor dessen Tod noch mit seinem Vater geführt hat. Dabei konfrontiert Martin Goldsmith den Vater immer wieder auch mit unbequemen Fragen: Wie hat es sich angefühlt, für einen NS-geführten Kulturverein zu musizieren? Warum hat er nach der Ankunft in den USA seine musikalische Karriere an den Nagel gehängt? Und warum fällt es ihm bis heute so schwer, über die "deutsche" Vergangenheit zu reden?

Einfache Antworten gibt es nicht

Je länger die "Winterreise" dauert, desto klarer wird: einfache Antworten auf diese komplexen Fragen gibt es nicht. Das aber ist gerade die Stärke des Films. Bruno Ganz spielt George Goldsmith als tragisch gebrochene und doch würdevolle Figur: Ein Mann, der gehofft hat gegen besseres Wissen, der sich lange weigerte, die schreckliche Realität um sich herum anzuerkennen, weil sie schlicht sein Vorstellungsvermögen als humanistisch gebildeter Mensch überstieg. Wer sich schon immer mal gefragt hat, warum so viele Juden sehenden Auges ihrer Vernichtung entgegengegangen sind, warum es nicht schon 1933 einen Massenexodus aus dem Deutschen Reich gab, der findet hier eine mögliche Antwort.

Eine Filmkritik von Carsten Beyer, rbbKultur

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