Szene aus der Sky-Serie "Hausen"
Bild: Sky Deutschland/Lago Film GmbH

Fernsehserie - "Hausen"

Bewertung:

Vor zwei Jahren überzeugte und bezauberte Thomas Stuber mit seinem Film "In den Gängen", in dem er das Lebensgefühl in der ostdeutschen Provinz so wahrhaftig ernüchternd wie kinotauglich magisch einfing. Nun hat der Regisseur zum ersten Mal eine Fernsehserie gedreht. "Hausen" ist seit Ende Oktober auf dem Bezahlsender Sky verfügbar.

"Hausen", das muss man hier ganz wörtlich nehmen, denn von Wohnen kann kaum noch die Rede sein, in dem verfallenen Hochhaus irgendwo am Rande einer deutschen Kleinstadt. In einer klammen Winternacht kommen der 16-jährige Juri (Tristan Göbel aus "Tschick") und sein Vater Jaschek (Charly Hübner) an einem riesigen unheimlich ins neblige Dunkel der Nacht ragenden Wohnsilo an. Ausgerechnet hier wollen sie nach dem Tod der Frau und Mutter ein neues Leben anfangen. Jaschek Grundmann tritt eine Hausmeisterstelle an und seinen Namen kann man durchaus als Programm für den anpackenden Handwerker verstehen, der mit beiden Beinen fest auf dem Boden steht. Charly Hübner spielt ihn als wortkargen Felsen in der Brandung, der sich sofort anschickt, die Dinge, die hier im Argen liegen, in Ordnung zu bringen.

Ein Wohnsilo als lebender Organismus

So wie der Großmarkt in "In den Gängen" wird nun auch der Schauplatz der Serie "Hausen" zur wahren Hauptfigur der Geschichte. Und was Thomas Stuber, seine Ausstatterin, die Sounddesigner und Komponisten des Soundtracks da an sinnlicher Atmosphäre erschaffen haben, ist für das deutsche Fernsehen, wo man sich meistens in sterilen Polizeiwachen und biederen Einfamilienhäusern tummelt, eine Sensation im wahrsten Sinne des Wortes. Das ganze Haus wird da zum lebenden Organismus, der atmet, keucht, stöhnt und röchelt und mit einem dumpf schlagenden Herzen im Maschinenraum des Kellers und einem Rohrsystem, aus dem wie aus Arterien und Venen eine dickflüssige Masse quillt, die allerdings nicht rot, sondern teerig schwarzbraun ist.

Die Wohnungen sind keine geschlossenen Räume, die Sicherheit bieten, sondern über Abflüsse, Backofen, Lüftungslöcher und Müllschlucker in einem labyrinthischen System miteinander verbunden. Selbst die Wände bieten keine Stabilität, wirken immer wieder elastisch, wie Haut über pulsierendem Fleisch, oder modrig instabil wie Materie, die sich schimmelnd auflöst. Und dann passieren immer mehr unheimliche Dinge: Ein Baby verschwindet, sein fernes Schreien hallt durch die Wände: "Irgendwas sitzt hier im Haus, es beobachtet uns. Es macht was mit den Leuten", stellt Juri fest. "Ihr habt verstanden, dass dieses Haus nicht einfach nur ein Gebäude ist, sondern etwas, mit dem wir alle verbunden sind", sagt Jaschek auf einer Mieterversammlung.

Kindheitserinnerungen

In seinem Drehbuch hat Autor und Regisseur Till Kleinert seine eigenen Kindheitserfahrungen verarbeitet, die er in der Anonymität eines gesichtslosen Ostberliner Stadtrand-Plattenbaus in den Achtzigerjahren gemacht hat. Damals hatte er immer wieder den Eindruck, dass das Haus ein lebendiges Wesen ist, das über Müllschlucker mit Abfällen "gefüttert" wird. Gedreht wurde im leerstehenden DDR-Regierungskrankenhaus in Berlin-Buch, das 2007 geschlossen und demnächst abgerissen wird. Der Charakter dieses lost place, eines jener verlassenen und stimmungsvoll verfallenen Orte, reichert die Textur der Serie an.

Ein Plattenbau als Spukhaus

Wie schon in seinen früheren Filmen lässt Thomas Stuber das ostdeutsche Lebensgefühl auch in seiner ersten Serie mitschwingen, zum ersten Mal angereichert mit Motiven des Horrorgenres: Das Spukhaus ist hier eben keine viktorianische Villa, sondern ein Plattenbaumonster, das seine Bewohner frisst - metaphorisch und irgendwann auch wortwörtlich. Und im Keller lebt das böse Orakel - in Gestalt von Alexander Scheer: "So viele Fragen. Wenn Du nicht aufpasst, findest Du am Ende noch Antworten…".

Mit der überbordenden Sinnlichkeit seiner düsteren Bildwelten und des Sounddesigns und dem vielschichtigen Spiel eines großartigen Schauspielerensembles (unter anderem Charly Hübner, Tristan Göbel, Alexander Scheer, Lilith Stangenberg) reiht sich die metaphorisch aufgeladene Horrorserie "Hausen" in die aufregenden Fernsehserien ein, die in letzter Zeit auch immer häufiger in Deutschland entstehen.

Anke Sterneborg, rbbKultur

weitere rezensionen

Electra Glide In Blue © picture alliance/ United Archives/ IFTN
picture alliance/ United Archives/ IFTN

Spielfilm (1973) - "Electra Glide in Blue"

"Electra Glide in Blue" ist ein Film aus der Zeit des New Hollywood-Kinos Anfang der 70er Jahre. Regie-Debütant James William Guercio erzählt die Geschichte über einen unterforderten Streifenpolizisten auf den Straßen von Arizona als Hybrid aus Neo-Western und Polizeifilm. Eine echte Wiederentdeckung, denn auch nach fast 50 Jahren überzeugt der Film noch immer durch seine großartigen Bilder.

Bewertung:
Ein guter Mensch ; Montage: rbbKultur
Eye See Movies

Türkische Krimi-Drama-Serie - "Ein guter Mensch"

Je älter die Menschen werden, desto häufiger sind sie mit Demenz und Alzheimer konfrontiert. Rund 1,6 Millionen Menschen mit Demenz leben derzeit in Deutschland, Tendenz steigend. Längst schlagen diese Zahlen auch in der Literatur und im Kino durch, in einer Fülle von Erfahrungsberichten und Romanen, in Dokumentationen und Spielfilmen. Für den Helden der türkischen Krimiserie "Ein guter Mensch" (Magenta TV) wird die Krankheit auf subversive Weise zur Chance.

Bewertung:
Schlaf; © Salzgeber
Salzgeber

Heimathorrorfilm - "Schlaf"

Es war ein schweres Jahr für die Kinos. Auf den monatelangen Lockdown folgten drei Monate mit Auslastungen bis maximal 25% und dann trotz vorbildlicher Schutzmaßnahmen der neuerliche Kultur-Lockdown. Auch "Schlaf", das Regiedebüt von Michael Venus, hatte in den letzten Tagen vor dem neuerlichen Lockdown-Light nur einen kurzen Kino-Auftritt.

Bewertung: