Schlaf; © Salzgeber
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Heimathorrorfilm - "Schlaf"

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Es war ein schweres Jahr für die Kinos. Auf den monatelangen Lockdown folgten drei Monate mit Auslastungen bis maximal 25% und dann trotz vorbildlicher Schutzmaßnahmen der neuerliche Kultur-Lockdown. Auch "Schlaf", das Regiedebüt von Michael Venus, hatte in den letzten Tagen vor dem neuerlichen Lockdown-Light nur einen kurzen Kino-Auftritt.

Da eine Wiedereröffnung der Kinos Anfang Dezember inzwischen als höchst unwahrscheinlich gilt, sind Verleiher gezwungen, nach alternativen Distributionsmöglichkeiten zu suchen - immer häufiger entscheiden sie sich für Streaming–Portale. Angesichts der unsicheren Aussichten für die Kinos hat sich der Verleih Salzgeber jetzt entschieden, den Film "Schlaf" ab sofort online als Video on Demand im Salzgeber Club anzubieten, sowie auf den Homepages vieler Kinos, die den Film gespielt hätten. Immerhin werden die gebeutelten Kinos zu 50% an den Einnahmen beteiligt.

Schlaf – mit Sandra Hüller unf Gro Swantje Kohlhof; © Salzgeber
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Ein "Heimathorrorfilm"

Schon in den ersten Minuten seines Spielfilmdebüts spielt Michael Venus mit den diffusen Grenzen zwischen Träumen und Wachen, zwischen Horror- und Krankengeschichte: Es beginnt mit einem gemütlichen Mutter Tochter-Abend zuhause, an dem subtile Anzeichen daraufhin deuten, dass die Mutter Marlene schutzbedürftiger ist als ihre erwachsene Tochter Mona.

Seit längerer Zeit wird Marlene immer wieder von Alpträumen heimgesucht. Eines Tages stößt sie in einer Ferienanzeige ganz real auf den imaginären Ort aus ihren Träumen: "Das ist der Ort aus meinen Träumen. Wie kommt der Ort aus meinen Träumen in die Anzeige aus dem Bordmagazin?"

Ihrer Tochter hat Marlene versprochen, zum Arzt zu gehen. Doch stattdessen reist sie heimlich in das einsam in der idyllischen Berglandschaft, im Harz gelegene Hotel Sonnenhügel, dessen rote Leuchtbuchstaben geheimnisvoll im Dunkel der Nacht leuchten. Die Fotografien der männlichen Mitglieder der Hotelier-Familie, die im Hotelfoyer aufgehängt sind, kommen Marlen seltsam bekannt vor. Als sich die Alpträume in ihrer ersten Nacht im Hotelzimmer noch unheimlicher und bedrohlicher manifestieren, wird klar, dass ihre eigene Familiengeschichte mit der Geschichte des Hauses verbunden ist.

Subtile Intensität

Im Clinch mit einem imaginären Wildschwein wütet Marlene nachts in ihrem Zimmer, verfällt danach in Schockstarre und wird in die Psychiatrie eingeliefert. Und dann wird auch ihre zu Hilfe eilende Tochter in den Sog der Alpträume gezogen. Es ist vor allem der subtilen Kraft zu verdanken, die im minimalistischen Spiel der beiden Schauspielerinnen Sandra Hüller als Mutter und Gro Swantke Kohlof als Tochter liegt, dass sich statt schrillem Horror eine unheimliche Beklemmung ausbreitet.

Schlaf – Marion Kracht und August Schmölzer; © Salzgeber
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Hotels als Hort des Horrors

Zahllose Horrorszenarien des Kinos nisten in verlassenen Hotels, zu den prominentesten gehört das Overlock Hotel in Stanley Kubricks Stephen King-Verfilmung "The Shining" oder das Bates Motel in Alfred Hitchcocks "Psycho".

In Corona-Zeiten kann man sich gut vorstellen, dass es auf der ganzen Welt unzählige solch verlassener Hotels gibt, in denen sich statt Gästen unheimliche Geschichten ausbreiten. Dabei spielt Michael Venus so virtuos wie dezent mit den klassischen Motiven des Horrorfilms, verknüpft Aspekte des Schauermärchens mit den Gespenstern der deutschen Vergangenheit, die hier am Ort auch jenseits der Alpträume ganz real durch die Dorfgemeinschaft spuken, etwa wenn der Wirt des Hotels Sonnenhügel bei der Gemeindeversammlung unverhohlen braunes Gedankengut verbreitet:

"Wenn ich in die Runde blicke, sehe ich nur die feinsten Männer aus dem Tal, meine Mitstreiter! Hier und heute beginnt für unsere Bewegung eine neue Zeit auf festem Grund und im Zentrum dieser Bewegung steht dieses Haus (jubel). Man will uns einreden, dass wir uns schämen sollen, für unsere Herkunft, für unsere Traditionen, für unsere Geschichte? Schämen? (Jubelschreie, Klatschen) Unser Stolz ist unsere Rüstung im Kampf gegen den Schuldkult und ich werde mich nicht schämen!"

Vergangenheit und Gegenwart raffiniert vernetzt

Vielfältige, historische und familiäre Verbindungen offenbaren sich, zwischen der Vergangenheit, in der polnische Zwangsarbeiterinnen in einer im Wald gelegenen Fabrik Sprengstoff produzieren mussten und dem Jetzt und Hier im Hotel. Indem Michael Venus die Zeiten raffiniert miteinander vernetzt, zettelt er einen vielstimmigen Dialog an, zwischen der unverarbeiteten Realität der Vergangenheit und den Alpträumen der Gegenwart.

"Schlaf" ist ab sofort unter anderem im Salzgeber Club als Video on demand kostenpflichtig abrufbar und hoffentlich bald auch wieder auf den Leinwänden der Kinos zu sehen. Die Ausleihe kostet 10,00 Euro, von denen die Hälfte den derzeit geschlossenen Kinos zugute kommt.

Anke Sterneborg, rbbKultur

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