Ida (Agata Trzebuchowska) verlässt das Kloster, um ihre Tante kennenzulernen; © Arsenal Filmverleih
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Drama - "Ida"

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Anspruchsvolle Filme in Zeiten geschlossener Kinos verspricht ein neuer Streaming-Kanal: "good!movies" bündelt das Angebot von insgesamt 11 deutschen Filmkunst-Verleihern. Nicht nur Hollywood-Blockbuster und Serien stehen dabei im Mittelpunkt, sondern Arthouse-Kino und anspruchsvolle Dokumentationen. Eines der Highlights: der polnische Film "Ida" des polnischen Regisseurs Pawel Pawlikowski, der den Europäischen Filmpreis und den Oscar für den besten fremdsprachigen Film gewann.

Wanda (Agata Kulesza, l.), die einzige noch lebende Verwandte von Ida (Agata Trzebuchowska, r.), zeigt der jungen Novizin alte Familienfotos; © Arsenal Filmverleih
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Polen, zu Beginn der Sechzigerjahre: Anna (Agata Trzebuchowska) wächst in einem katholischen Nonnen-Kloster auf. Als Waisen-Baby ist sie einst hergekommen, in den Wirren des Krieges. Nun möchte auch sie Nonne werden, denn sie liebt das karge, strikt reglementierte Klosterleben. Eines Tages aber, kurz vor ihrem Gelübde, hat ihre Oberin (Halina Skoczynska) eine Überraschung für sie. Anna soll noch einmal hinaus in die Welt und ihre einzige noch lebende Verwandte treffen.

Zwei ungleiche Frauen

Das Wiedersehen mit ihrer Tante Wanda (Agata Kulesza) verläuft jedoch ganz anders, als es sich die schüchterne Anna vorgestellt hat: Widerstandskämpferin war Wanda einst, und eine strenge Richterin im kommunistischen Nachkriegs-Regime, die auch einige Todesurteile verhängt hat. Mit den Jahren ist aus der "Blutigen Wanda" eine zynische Trinkerin geworden, die sich ihre Zeit mit ständig wechselnden Männerbekanntschaft vertreibt.

Eine ganz eigene Bildsprache

"Ida" lebt vom Wechselspiel seiner beiden Hauptdarstellerinnen Agata Trzebuchowska und Agata Kulesza. Mit knappen, abrupt geschnittenen Schwarzweißbilder treibt Pawel Pawlikowski die Geschichte voran. Wo andere Regisseure auf breite Panoramen setzen, hat er sich für das altmodische, fast quadratische 4:3 Format entschieden, das die Schauspieler vor der Kamera eng zusammendrängt. Nahaufnahmen der Gesichter wechseln sich ab mit spröden Landschaftsbildern - und es entsteht eine ganz eigene Bildsprache, wie man sie auch in den Filmen der französischen Nouvelle Vague findet.

Reise in eine dunkle Vergangenheit

Wanda konfrontiert ihre Nichte mit dem Geheimnis ihrer Abstammung. Anna heißt nämlich eigentlich Ida und ist das Kind jüdischer Eltern, die im Krieg ermordet wurden. Auf der Suche nach den Gräbern erfährt Anna/Ida nicht nur ihre Familiengeschichte, sondern auch ein paar schreckliche Wahrheiten über ihre Mitmenschen. Aus dem Roadtrip ins ländliche Polen wird eine Reise in eine dunkle Vergangenheit.

Historische Kontroversen

Die Macht der Kirche und der tiefverwurzelte Antisemitismus im ländlichen Polen sind Themen, mit denen sich Pawel Pawlikowski in seinen Filmen immer wieder beschäftigt. So hat sich der Regisseur in seiner Heimat nicht nur Freunde gemacht. Als "Ida" kurz nach dem Oscar-Gewinn im polnischen Fernsehen gezeigt wurde, lief zuvor ein 12-minütiger Kommentar, in dem Pawlikowski "historische Ungenauigkeit" und eine "anti-polnische Einstellung" vorgeworfen wurden. Sein "Vergehen": Er hatte keine deutschen, sondern polnische Täter gezeigt. Was nicht sein darf, das nicht sein kann …

Große Filmkunst für die Ewigkeit

Doch nationalistischer Kleingeist wird – hoffentlich – vergehen, große Filmkunst hingegen ist für die Ewigkeit. Und da gehört "Ida" auch hin – neben die Meisterwerke eines Andrzej Wajda, eines Krzysztof Kieślowski und einer Agnieszka Holland.

Carsten Beyer, rbbKultur

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