Was wir wollten; © Netflix
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Drama auf Netflix - "Was wir wollten"

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Auch bei Netflix rücken deutschsprachige Produktionen zunehmend in den Fokus. Darunter jetzt auch die hauseigene Produktion, der österreichische Spielfilm "Was wir wollten". In den Hauptrollen des Beziehungsdramas spielen Lavinia Wilson und Komödienstar Elyas M‘Barek.

"Ein kleiner kompakter Körper. Ihre Füße berühren immer nur kurz den Boden. Dann läuft sie weg. So ist das in Träumen. Spätestens nach dem vierten Versuch sage ich immer: Einen Schritt zurücktreten. Vielleicht unternehmen Sie irgendetwas, das Ihnen guttut."

Zum vierten Mal sitzen Alice und Niklas jetzt vor der Ärztin, die ihnen erklärt, dass es wieder nicht geklappt hat. Dass Alice wieder nicht schwanger geworden ist. Ein Schlag ins Gesicht. Und eine schwere Belastungsprobe für die Beziehung. Das versteinerte Gesicht von Alice, wenn sie sich wieder ankleidet, spiegelt den unfassbaren Schmerz und die Erkenntnis, dass ihr Leben wohl definitiv anders verlaufen wird, als sie es sich geträumt hat.

Daran ändert auch der Urlaub auf Italiens Trauminsel Sardinien nichts zu dem die Ärztin geraten hat: Abstand gewinnen. Was natürlich nicht funktioniert, zu frisch ist die Wunde.

Unerfüllbarer Lebenswunsch

"Wir haben auch ein schönes Leben verdient. Oder wir adoptieren."

"Nee. Ich will nämlich ein eigenes oder gar keins. Ja, so ego bin ich. Ich hätte gerne meine Zellen und deine Zellen. Meine Haare und deine Augen. Ich will uns."

"Was ist so falsch an meinen Haaren?"

Dialoge wie dieser zeichnen "Was wir wollten" aus. Hier wird um nichts herumgeredet. Was nicht zwangsläufig Nähe bedeutet, nein. Wir sehen zwei Menschen - ermüdet von ihrem nicht realisierbaren Lebenswunsch –, wie sie auseinandergehen und wieder zusammenkommen: zweifeln, erkennen, resignieren, weitermachen.

Lavinia Wilson und Elyas M‘ Barek spielen dieses Paar und die feinnervige Art der Berliner Schauspielerin macht das ganze Drama deutlich. Dagegen wirkt Elyas M‘ Barek, der mit diesem Film versucht sein Image als gutgelaunter Womanizer hinter sich zu lassen, eher freundlich bemüht. Eine eigene Interpretation des überforderten liebevollen Ehemannes jedenfalls bietet er nicht an.

Zusätzlich kompliziert wird es für das Pärchen als in dem Nachbar-Bungalow der sardischen Ferienanlage eine Familie mit zwei Kindern einzieht. Die Welt nebenan scheint in Ordnung, was die Beziehung von Alice und Niklas einmal mehr belastet.

Bitterer Beigeschmack

"Du schaust mich seit Monaten nicht an! Du willst doch nur mit mir schlafen, weil du ein Kind willst."

"Du hast Angst vor mir, weil du es nicht bringst. Wahrscheinlich hat die Natur Recht."

Die Spirale dreht sich immer weiter: man ist da angekommen, wo Reden auch nicht mehr hilft. Langsam freunden sich Alice und die etwas zudringliche kleine Nachbarstochter an, sie bezeichnet Alice als "die traurige Frau" und versteht so offensichtlich mehr als ihre Eltern. Denn auch bei der Familie nebenan ist keineswegs alles so easy, wie es auf den ersten Blick scheinen will.

Wenn die junge Mutter auf einmal barbusig in Alices Zimmer steht, um ihre kleine Tochter wieder einzusammeln, die Männer sich jovial übertrumpfen, wer der bessere Sportler ist, all das fühlt sich irgendwie komisch an.

Und dass Kinder kein Garant für Glück sind, diese Erkenntnis entfaltet sich hier eher beiläufig und hat einen bitteren Beigeschmack.

Schweigsam-beredetes Drama

"Kinder habt ihr keine?"
"Nein."
"Ihr habt’s jetzt fein."
"Es muss ja nicht jede Frau für Familie leben. David war ein Unfall."

Die Geschichte eines Paares, das sich neu finden muss, basiert auf einer Erzählung des Schweizer Schriftstellers Peter Stamm. Dieser Vorlage widmet sich die österreichische Film-Editorin Ulrike Kofler in ihrem Regiedebüt mit einer gelungenen Mischung von Humor und Ernsthaftigkeit. Die zeitlose Dringlichkeit des Themas Kinderlosigkeit stellt sie keinmal in Frage.

Eigentlich sollte "Was wir wollten" im November in den Kinos anlaufen. Nun zeigt Netflix ihn als Stream und gibt damit einen Vorgeschmack auf die Oscar-Verleihung kommendes Jahr. Da nämlich wird das Ulrike Koflers schweigsam-beredetes Drama Österreich repräsentieren.

Christine Deggau, rbbKultur

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