Wir beide – Szenenfoto; © Paprika Films
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Drama | DVD und Stream - "Wir beide"

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Die Zeiten, in den Homosexualität im Kino ein Tabuthema war, sind zum Glück vorbei. Ältere schwule oder lesbische Paare schaffen es jedoch noch immer kaum auf die Leinwand. Umso bemerkenswerter ist der Film "Wir beide" von Filippo Meneghetti: Das Porträt zweier Frauen Anfang 70, die ihre Liebe über Jahrzehnte vor ihrer Umwelt geheim gehalten habe – so lange, bis es fast zu spät ist.

 

Nina (Barbara Sukowa) und Madeleine (Martine Chevallier) wohnen Tür an Tür in einem Pariser Mietshaus: zwei nette alte Rentnerinnen, die sich gut verstehen und gerne mal ein Schwätzchen halten. Niemand ahnt, dass die beiden seit Jahren ein Paar sind, dass kaum eine Nacht vergeht, in der Nina nicht heimlich über den Flur zu ihrer Nachbarin ins Bett huscht. Ihre Liebe erinnert an die von zwei Teenagern: verliebte Blicke, verstohlene Treffen im Park und der Traum von einer gemeinsamen Zukunft.

Eine gemeinsame Wohnung in Rom, am Tiber, da wo ihre Liebe einst begann – das wäre doch was!

Verliebte Blicke und verstohlene Treffen

Nina – wunderbar fordernd und stark gespielt von Barbara Sukowa – wäre sofort zu diesem Schritt bereit. Schließlich hat die ehemalige Reiseführerin ihr halbes Leben im Ausland verbracht. Die vorsichtige Madeleine aber zögert, denn anders als ihre Freundin hat sie eine Familie. Ihr Ehemann ist schon lange tot, trotzdem fehlt ihr der Mut, sich den mittlerweile längst erwachsenen Kindern (Léa Drucker, Jérôme Varanfrain) zu offenbaren.

Martine Chevallier, Theater-Star der Comédie-Française, gibt der Angst vor dem späten Coming-out ein Gesicht: Ihr zuzusehen bei diesem Seiltanz zwischen Scham und der Sehnsucht nach einem aufrichtigen Leben, ist ein Genuss.

Sehnsucht nach einem aufrichtigen Leben

Filippo Meneghettis Film hat nichts von der putzigen Süßlichkeit, mit der ältere Homosexuelle gerne auf der Leinwand gezeigt werden. Hier wird mit harten Bandagen gekämpft. Als Nina durch einen Zufall erfährt, dass Madeleine von dem ursprünglichen Plan, ihre Wohnung zu verkaufen, abgerückt ist, kommt es zum Eklat: Eine großartige und zugleich erschütternde Szene, in der die beiden Hauptdarstellerinnen zu absoluter Hochform auflaufen.

Wir beide – Szenenfoto; © Paprika Films
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Kampf mit harten Bandagen

In der zweiten Hälfte des Films kippt die Handlung ins Tragische: Madeleine erleidet einen Schlaganfall und ist fortan nicht nur halbseitig gelähmt, sie kann auch nicht mehr sprechen. Das unsichtbare Band zwischen den Liebenden droht zu zerreißen. Denn Madeleines Kinder haben eine Pflegerin (Muriel Bénazéraf) für die Mutter bestellt – und die wacht von nun an mit Argusaugen über ihren Schützling.

Spannender Wechsel zwischen den Genres

"Wir beide" ist deshalb so stark, weil sein Regisseur sich nie wirklich festlegt. Die dramatische Liebesgeschichte der beiden Frauen steht zwar im Mittelpunkt, doch Mengehetti spielt auch mit Black Comedy- und Thriller-Elementen: Wenn sich Nina nachts in das Bett der kranken Geliebten schleicht, während die Pflegerin schlaftrunken auf die Toilette wankt, hält man automatisch den Atem an und beißt sich gleichzeitig auf die Zunge, um nicht laut herauszulachen.

Zu seinen Gefühlen sollte man stehen

Zu seinen Gefühlen sollte man stehen – ganz egal, wie stark die Wiederstände in der Öffentlichkeit auch sein mögen. Das ist die zentrale Botschaft von "Wir beide". Sonst könnte es eines Tages zu spät sein. Und diese Botschaft ist offenbar angekommen, denn Filippo Meneghettis Film wurde als französischer Beitrag für den Oscar nominiert – nicht schlecht für einen Debütfilm!

Carsten Beyer, rbbKultur

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