Bir Başkadır; © Netflix
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Türkische Drama-Serie | Netflix - "Bir Başkadır – Acht Menschen in Istanbul"

Bewertung:

Seit Corona diskutieren Kritiker*innen mehr über Serien als über Filme. Serien gibt es genug und da lassen sich in steter Regelmäßigkeit Entdeckungen machen. Seit November hat Netflix eine türkische Serie im Angebot, mit deren Erfolg wohl niemand gerechnet hat: "Bir Başkadır – Acht Menschen in Istanbul". Die Folgen laufen im Original mit Untertiteln oder auf englisch. Was dem Reiz der Serie allerdings keinen Abbruch tut.

Eine Frau sitzt auf einem Stuhl, sie ist jung und schön, ihre Körperhaltung verrät ihre Unsicherheit, sie lächelt, schweigt. Offensichtlich weiß sie nicht, wie sie sich verhalten soll und ist es auch nicht gewohnt über sich zu reden.

Therapiestunde

Meryem bei der ersten Therapiestunde ihres Lebens. Der Grund: immer wieder fällt sie in Ohnmacht. Vor allem, wenn sie bei dem reichen Mann ist, dessen Apartment sie putzt, für den sie schwärmt, was niemand wissen darf.

Irgendwann aber beginnt Meryem zu reden: von ihrem Bruder, ihrer verrückten Schwägerin, dem Hodscha - der Dorfgeistliche, der nicht erfahren darf, dass sie hier ist. Und schweigt wieder. Betrachtet, gehüllt in einen langen Mantel, das Haar bedeckt vom Kopftuch, verlegen ihr Gegenüber: die schöne elegante Therapeutin Peri, die ihr helfen soll.

Für Peri bedeutet diese junge verstockte Frau eine Herausforderung: vordergründig naiv, scheint sie eine ganz eigene Schläue zu besitzen, die Peri wiederum mit ihren eigenen Vorurteilen konfrontieren und sie an ihre Grenzen bringen wird.

Istanbul - einer zerrissene, in sich gespaltenen Großstadt

Meryem ist die Hauptfigur der türkischen Serie "Bir Başkadır – Acht Menschen in Istanbul". Die Schauspielerin Öykü Karayel eine Entdeckung.

Meryem wird lernen, eine eigene Sprache zu finden - die Unfähigkeit zu kommunizieren aber ist eines der großen Themen dieser ungewöhnlichen Serie, die viel mehr will als mit bekannten Gegensätzen zu spielen.

Sie führt uns in das moderne Istanbul von heute und bietet mit ihren acht Protagonisten auch eine Bestandsaufnahme einer zerrissenen, in sich gespaltenen Großstadt. Die verschiedenen Seiten Istanbuls wirken fast wie Parallelwelten: so dörflich wie urban, patriarchal oder auch feministisch geprägt, säkular oder religiös. Auch die Landschaften von der die Millionenstadt umgeben ist, und die die Figuren auf der Suche nach ihrer Vergangenheit durchfahren, faszinieren.

Diffuse Sehnsucht nach einem anderen Leben

Im Mittelpunkt aber stehen die Figuren selbst und jede von ihnen weist eine große Komplexität auf. Ob Putzfrau, Therapeutin, Playboy, Wachmann oder Seriendarstellerin - sie alle eint eine große Einsamkeit, eine diffuse Sehnsucht nach einem anderen Leben.

Was diese türkische Serie neben ihren herausragenden, bei uns völlig unbekannten Schauspielern so besonders macht: sie zeigt die Gegensätze ohne zu werten und lässt jedes Klischee hinter sich.

Regisseur Berkun Oya, der eigentlich vom Theater kommt und hier auch das Drehbuch geschrieben hat, beobachtet seine Figuren mit viel Zeit und großer Sympathie, gibt ihnen Raum für ihre Entwicklungen und Gefühle. Da geht es um gleichgeschlechtliche Liebe, Vorurteile, Vergewaltigung, Technomusik, das Gefangensein in Traditionen. Auch unterschiedliche politische Auffassungen werden nicht ausgespart.

So viel Realismus gefällt nicht jedem

So viel Realismus gefällt nicht jedem. Die islamisch Konservativen sehen in der vermeintlich abgebildeten "Sittenlosigkeit" einen "Angriff auf die nationalen und geistigen Werte der Türkei", Intellektuelle beklagen die negative Darstellung des Bildungsbürgertums und dass die Hauptdarstellerin ein Kopftuch trägt, gefällt selbst dem religiösen Publikum nicht: auch das nämlich bevorzugt Frauen mit offenem Haar.

Berkun Oya kann seinen Kritikern entspannt entgegentreten. Tragen die Figuren die Konflikte doch selbst miteinander aus: So ist Meryems Sicht auf die Gesprächsführung ihrer Therapeutin keineswegs nur als Kompliment zu verstehen. Sechs Jahre Studium haben sich ja offensichtlich gelohnt, sagt sie – jedes Gespräch wisse sie in die ihr beliebige Richtung zu biegen.

Reise durch die Türkei von heute

"Bir Başkadır" - übersetzt: "Er/siesie ist anders" - wagt sich weit vor. Selten hat eine Serie so viel über ein Land erzählt wie diese – es ist eine Reise durch die Türkei von heute.

Acht Episoden à 50 Minuten, die den Horizont erweitern – es lohnt sich in jedem Fall, erst recht, wenn man die Serie im Original mit Untertiteln ansieht. Dann ist man mittendrin.

Christine Deggau, rbbKultur

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