Ein guter Mensch ; Montage: rbbKultur
Bild: Eye See Movies

Türkische Krimi-Drama-Serie - "Ein guter Mensch"

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Je älter die Menschen werden, desto häufiger sind sie mit Demenz und Alzheimer konfrontiert. Rund 1,6 Millionen Menschen mit Demenz leben derzeit in Deutschland, Tendenz steigend. Längst schlagen diese Zahlen auch in der Literatur und im Kino durch, in einer Fülle von Erfahrungsberichten und Romanen, in Dokumentationen und Spielfilmen. Für den Helden der türkischen Krimiserie "Ein guter Mensch" (Magenta TV) wird die Krankheit auf subversive Weise zur Chance.

Agâh Bey (Haluk Bilginer) ist ein höflicher, älterer Herr mit silbergrauen Haaren, Schnauzer und guten Manieren, ein Rentner, der mitten in der 15-Millionen-Metropole Istanbul lebt. Als Gerichtsschreiber hat er so oft erleben müssen, wie die wahren Schuldigen viel zu leicht davonkommen, dass er irgendwann das Gefühl hatte, etwas unternehmen zu müssen. Mehrmals lag er schon mit einer Pistole auf der Lauer, und war dann doch nicht in der Lage abzudrücken.

"Ein guter Mensch" zu sein, kann verzwickt sein.

Alles andere als ein typischer Serienkiller

Dann stellt er eines Tages fest, dass sein Kater tot unter dem Bett liegt, weil er das Füttern mehrere Tage vergessen hat. Der zu Rate gezogene Arzt diagnostiziert Alzheimer im Frühstadium. Doch nach dem ersten Schock erkennt Agâh Bey unschätzbare Vorteile der Krankheit: "Ist es nicht tröstlich, wenn ich mich an nichts mehr erinnere? Da kann ich also machen was ich will…"

Die Tragödie der Krankheit bedeutet Narrenfreiheit, denn ohne die Bürde des Gewissens kann er einen lang gehegten Plan in die Tat umsetzen. Ganz methodisch erstellt er zunächst ein kompliziertes Täterdiagramm, so wie es sonst ermittelnde Polizisten tun. Nur dass er einen mörderischen Rachefeldzug plant, einen gezielten Angriff auf ein korruptes, frauenfeindliches System.

Rätselhafte Verstrickungen

Da steckt viel Kritik an der modernen Türkei drin, die der bekannte Autor Hakan Günday auf subtile Weise in sein Drehbuch fließen ließ. Dazu gehört auch der alltägliche Sexismus, mit dem die junge Kommissarin Nevra (Cansu Dere) als einzige Frau im Männerklüngel der Mordkommission ringt.

Mit Aga Bey verbindet sie mehr als nur die Herkunft aus dem gleichen Dorf, denn auch sie ist "ein guter Mensch": "Polizistin zu sein, ist für mich nicht nur ein Job. Als Polizistin etwas Gutes für die Gesellschaft bewirken, das ist mein Ziel!"

Indem Aga Bey auf der Stirn seiner Opfer verschlüsselte Nachrichten hinterlässt, macht er Nevra zu seiner Verbündeten. Als Zuschauer*in weiß man zwar von Anfang an, wer der Täter ist, erfährt die komplexen Hintergründe und Zusammenhänge aber erst nach und nach.

Wichtiger als die Fahndung nach dem Mörder sind die rätselhaften Verstrickungen zwischen Metropole und Land, zwischen Familien, mächtigen Unternehmern und korrupten Polizisten. Viele Ermittlungsfäden laufen zu einem lang zurückliegenden und vertuschten Fall von Brandstiftung, der eine siebenköpfige Familie das Leben kostete.

Augenzwinkernder Clown und unerbittlicher Racheengel

Zwischen Familiendrama, Rachethriller, Liebesgeschichte, Krimi, Komik und Gesellschaftskritik ist die 12-teilige Serie vielschichtig und originell konstruiert. Zum Ereignis wird sie durch das feine, vielschichtige Spiel der Schauspieler*innen und durch ihren visuellen Reichtum, mit erlesen komponierten Szenerien, mit grandiosen Blicken von den Dächern und aus der Luft über der Stadt, mit glühend roten und grünen Farbakzenten im nächtlichen Istanbul und vielen surrealen Motiven - sogar eine animierte Passage gibt es.

Und das liebenswert struppige Ganzkörper-Katzenkostüm, mit dem sich Agâh Bey zwischen Clown und Killer dem Blick der Überwachungskameras entzieht, taucht bald in der ganzen Stadt auf. Es wird zum Symbol des Jugendprotests, den Aga Beys Enkel anzettelt und erinnert zugleich an die Masken der Occupy-Bewegung.

Anke Sterneborg, rbbKultur

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