Netflix | Pretend it's a city © Netflix / Courtesy Everett Collection
Netflix / Courtesy Everett Collection
Bild: Netflix / Courtesy Everett Collection

Doku-Serie | Netflix - "Pretend It's a City"

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Der Regisseur Martin Scorsese ist New Yorker durch und durch. Wie seine Freundin Frances Ann Lebowitz auch. Während Scorsese seiner Stadt in Filmen ein Denkmal setzt, tut "Fran" Lebowitz, wie sie genannt wird, dasselbe mit Worten: böse, spöttisch, liebevoll. Es gibt wohl kaum jemanden, der diese Stadt so genau beobachtet wie sie. Alles, was sie denkt, darf sie jetzt sagen: in der neuen Netflix-Serie "Pretend It's a City", die einen Tag nach dem Sturm aufs Capitol online ging. Gedreht natürlich vor Corona.

Sie haben noch nie von Fran Lebowitz gehört? Hatte ich auch nicht, bevor ich mir diese Miniserie angesehen habe. Dreieinhalb Stunden, in denen die 70-jährige New Yorker Autorin Fran Lebowitz erzählt.

Ihr großes Thema: New York. Und sie selbst.

Die Anonymität New Yorks

"Pretend It's a City" – mal so tun, als wäre New York eine Stadt. Was für Fran Lebowitz heißt: eine Stadt, in der Menschen leben, Menschen, die man wahrnehmen könnte. Wenn man denn wollte.

Lebowitz leidet an der Anonymität New Yorks, daran, dass kaum noch einer den Blick vom Handy hebt, an den Unmengen von Touristen, die alle – so hat sie den Eindruck - immer nur sie, Fran Lebowitz, nach dem Weg fragen.

Eine komplizierte Beziehung

Es ist eine komplizierte Beziehung zwischen der Metropole und ihrer scharfzüngigen Beobachterin. Seit einem halben Jahrhundert lebt sie hier, schlug sich in den 70ern als Taxifahrerin, Straßenverkäuferin und Reinigungskraft durch - bis sie anfing zu schreiben. Zwei Bücher hat sie veröffentlicht. Das letzte vor knapp 30 Jahren.

Seitdem schreibt sie für Magazine, hält Vorträge, unter anderem über ihre Schreibblockade (oder ist es doch eher Faulheit?) und ist als Autorin von "Vanity Fair" gern gesehener Gast in Talkshows.

Ein Stichwort reicht und Fran Lebowitz legt los. Witzig, anekdotenreich, manchmal – leider nicht immer – wunderbar auf den Punkt.

Netflix | Pretend it's a city © Netflix / Courtesy Everett Collection
Bild: Netflix / Courtesy Everett Collection

Scorsese als größter Fan Lebowitz'

Martin Scorsese, der seine gute Freundin schon in der Dokumentation "Public Speaking" 2010 ausführlich zu Wort kommen ließ, und sie 2013 in "The Wolf of Wall Street" als Richterin besetzte, scheint wie vernarrt in ihre Geschichten. Er begleitet sie durch die Straßen, beobachtet sie beim Beobachten, oder sitzt mit ihr in einem Café, wo er ihr Stichworte zuwirft und sie dann reden lässt.

Dabei scheint der Regisseur selbst der größte Fan von Fran Lebowitz: egal wie lustig oder nicht - bei jeder Zuspitzung, jedem angedeuteten Witz bricht er in haltloses Gelächter aus. Im Anschnitt ist oft seine vor Lachen bebende Rückseite zu sehen. Das tut dieser Serie nicht unbedingt gut.

Vieles ist komisch, anderes aber geradezu banal. Lebowitz als die einzige Person in New York, die nie Glück hatte bei Immobilienkäufen, der das Leben in der riesigen Stadt selbst genug Herausforderung ist – ob sie da wirklich so einzigartig ist?

Lebowitz hat zu allem etwas zu sagen

Ohne Zweifel: Lebowitz ist eine Type, eine Erscheinung. Wie sie da durch New York stapft, sieht sie aus wie ein alternder Rolling Stone. Selbstbewusst, in maßgeschneiderten Herrensakkos, Jeans und Cowboystiefeln trägt sie jede der sieben Folgen im Alleingang.

Jede Folge hat einen anderen Schwerpunkt: ob Sport oder Gesundheit, Kultur oder Verkehr – zu allem hat Lebowitz etwas zu sagen. Viel zu sagen. In diesem Redeschwall entsteht aber keine Nähe. Erst recht nicht, wenn man sie vielleicht nicht ganz so faszinierend findet, wie Martin Scorsese. Er aber bereitet ihr den Roten Teppich, untermalt ihre Spaziergänge mit orchestraler Filmmusik.

Große Namen - wie nebenbei fallen gelassen

Schön sind die kleinen Exkursionen ins Archiv, geleitet von den unzähligen Namen, die Lebowitz wie nebenbei fallen lässt: Aufnahmen von dem Jazzmusiker Charles Mingus, als Genie gefeiert - für Lebowitz‘ Mutter, die seinen großen Appetit liebte, aber nur der "gute Esser".

Leonardo diCaprio in jungen Jahren: er bot der leidenschaftlichen Raucherin ihre erste E-Zigarette an. Die Pressekonferenz in irgendeinem Garten mit Leonard Bernstein und Duke Ellington oder das New York aus vergangen Zeiten - "Pretend It's a City" lädt auch zum Schwelgen ein.

Aber, ganz ehrlich, ich weiß nicht, ob ich wirklich etwas vermisst hätte, hätte ich diese Bekanntschaft mit Fran Lebowitz nicht gemacht.

Christine Deggau, rbbKultur

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