Bellingcat – Christiaan Triebert; © Submarine
Bild: Submarine

Dokumentarfilm - "Bellingcat: Truth in a Post-Truth World"

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Wir alle, die wir im Moment viele Stunden am Bildschirm sitzen und uns im Internet informieren wollen, stehen immer wieder vor der Frage: was ist Tatsache, was Behauptung? Was ist Fakt, was Vermutung oder gar Lüge? In der arte Mediathek ist derzeit ein Dokumentarfilm über Menschen zu sehen, die nichts anderes machen, als die Geschichten, die im Internet kursieren, auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen. "Bellingcat" heißt das Recherchenetzwerk, über das der niederländische Regisseur Hans Pool einen Film gedreht hat.

Pool erzählt die Geschichte von Bellingcat wie einen Spionagethriller. Und tatsächlich führt uns sein Film direkt in die Propagandamaschinerie der Geheimdienste oder Milizen. Wir sind Publikum, vielleicht sogar Fußvolk in einem Krieg mit Desinformationen und ahnen es mitunter nicht einmal.

Der Name Bellingcat leitet sich ab von dem Trick, einer Katze ein Glöckchen um den Hals zu hängen, damit sie keine Vögel fangen kann. Die Chance, diesen Film in der arte Mediathek zu sehen, sollte Jeder und Jede schon allein deshalb unbedingt nutzen, weil man hier zurückspulen kann. Immer wieder zeigt der Film Szenen, bei denen man anhalten möchte, weil man glaubt: das kann nicht wahr sein.

Inszeniertes Bombenattentat

Da ist zum Beispiel das Video von der Explosion einer Autobombe in Bagdad zu sehen. Ein rauchendes Auto, ringsum Verletzte, vielleicht auch Tote, verzweifelte Menschen versuchen zu helfen, am Rand steht eine Ambulanz. Die Geschichte landete bei der Nachrichtenagentur Reuters und von dort in der Weltpresse. Von acht bis zehn Toten war die Rede. Bellingcat aber hat noch ein anderes Video im Internet gefunden. Da steht das Auto auf einem leeren Platz. Es explodiert. Erst dann laufen Menschen herbei, legen sich als Verletzte auf den Boden, andere helfen beim Abtransport. Da haben offenbar ein paar Propagandisten sich selbst dabei gefilmt, wie sie ein Bombenattentat inszenieren. Aber natürlich sucht niemand für jede einzelne Autobombe nach dem Echtheitsbeweis.

Bellingcat – Christiaan Triebert; © Submarine
Bild: Submarine

Ein Netz von Gleichgesinnten

Elliott Higgins, der Gründer von Bellingcat, beschreibt sich selbst als einen Nerd, der mit dem Internet groß geworden ist und während seiner ersten Recherchen Gleichgesinnte gefunden hat, die überwiegend online miteinander kommunizieren. Im Film lernt man Timmi aus Berlin kennen, alleinerziehender Vater, zehn Jahre bei der Staatssicherheit der DDR. Jetzt erstellt er am Computer 3D-Modelle von Tatorten, um sie mit den Videos abzugleichen. Zu den Recherchethemen gehörte auch die Frage, wer das Flugzeug der Malaysian Airlines über der Ukraine abgeschossen hat. Da kam dann ein Militärexperte aus Finnland ins Spiel.

Zu dem Recherchenetzwerk gehören also Netz-affine Männer, die aus unterschiedlichen Gründen Zeit haben. Denn so betonen alle – die Recherche braucht sehr viel Zeit. Allein vom Bürgerkrieg in Syrien existieren inzwischen mehr Stunden Filmaufnahmen als der Konflikt selbst bisher gedauert hat.

Eigene Recherchemethode

Elliott Higgins nennt seine Methode: Recherche in den Open Sources, also öffentlichen Quellen. Das sind YouTube, Google Earth, aber auch die sogenannten sozialen Medien. Die russische Brigade, die für den Abschuss der MH 17 verantwortlich gemacht wurde, fand Bellingcat, weil die jungen Soldaten sich selbst auf dem Weg zu ihrem Einsatz fotografierten und weil ihre Mütter in einem Netzwerk für Soldatenmütter schrieben, wohin ihre Söhne fuhren. Hans Pool macht das packend nachvollziehbar, indem er die Recherche in einzelne Schritte zerlegt.

Eine Lektion für das Leben im Netz

Wir lernen aus dem Film, den Bildern zu misstrauen. Wir lernen, welche Bedeutung Information und Fehlinformation bekommen. Wir lernen aber auch, vorsichtig zu sein, wenn wir selbst die gigantische Bildermaschine Internet füttern.

Der Film feiert etwas zu vollmundig und unkritisch den Bürgerjournalismus. Aber auch Bürgerjournalisten oder Blogger müssen nicht unbedingt demokratische Ziele verfolgen. Die Recherche-Methoden von Bellingcat können von allen angewandt werden. Denn sie verwenden auch Aufnahmen, die Menschen von sich selbst gemacht haben.

Simone Reber, rbbKultur

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