Vanessa Kirby in "Pieces of a Woman"; © dpa/Netflix/Courtesy Everett Collection
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Drama | Netflix - "Pieces of a Woman"

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Letztes Jahr als beste Schauspielerin beim Filmfest in Venedig ausgezeichnet, darf die britische Schauspielerin Vanessa Kirby sich wohl dieses Jahr Hoffnung auf den Oscar machen. Wer sie nicht kennt: Kirby spielte die junge Prinzessin Margaret in der Netflix-Serie "The Crown". Jetzt ist sie neben Shia LaBeouf in der Hauptrolle von "Pieces of a Woman" zu sehen, der neue aufwühlende Film des ungarischen Regisseurs Kornél Mundruczó.

Martha und Sean erwarten ihr erstes Baby. Sie haben sich für eine Hausgeburt entschieden. Die Fruchtblase platzt, die Wehen setzen ein, die hilflose Zärtlichkeit zwischen Martha und Sean rührt, sie wissen nicht, was zu tun ist, hoffen auf die Hebamme, die aber ist gerade bei einer anderen Geburt, schickt eine Vertretung, "keine Angst, sie ist erfahren, sympathisch - okay, wird schon gut gehen".

Aber es geht nicht gut. Das Kind von Martha und Sean stirbt wenige Minuten nach der Geburt.

Fragen, die niemandem weiterhelfen

Es ist kein Spoilern, das hier zu verraten, denn diese ungeschnittenen 20 Minuten sind der Ausgangspunkt von "Pieces of a Woman" – ein verstörend-intensives Drama, das von Schmerz und Intimität, einer zerbrechenden Liebe und großer Einsamkeit erzählt.

Hätte der Tod der kleinen Tochter verhindert werden können? Wer trägt die Schuld? Diese Fragen, die niemandem weiterhelfen, treiben vor allem Marthas Mutter, die den Holocaust überlebt hat, um. Sie ist sicher: nur wenn die Schuldige bestraft wird, wird Martha ihren Frieden finden können. Martha aber will nicht, sie weiß, dass es für sie nichts ändern wird, der Hebamme vor Gericht den Prozess zu machen.

Die richtigen Bilder, die richtigen Schauspieler

"Pieces of a Woman" - dieser Titel trifft ziemlich genau, worum es geht. Martha verliert das Gefühl für sich, erkaltet innerlich und äußerlich: ihr Selbstbild der erfolgreichen, schönen, immer gut gelaunten Frau zerbricht. Die Scherben einsammeln, sie neu zusammensetzen, um weiterleben zu können – für diese Geschichte findet der ungarische Regisseur Kornél Mundruczó starke Bilder.

Eine Brücke über den Boston River wird gebaut. Immer wieder kehrt die Kamera an diesen kühlen, neutralen Ort zurück, zeigt, wie die Arbeiten voranschreiten, die Brücke langsam zusammenwächst, das Land verbindet. Am Bau der Brücke wird deutlich, wie die Zeit vergeht. Die Zeit, in der Beziehungen auseinandergehen, jeder seinen eigenen Weg finden muss.

Es sind die richtigen Bilder und die richtigen Schauspieler sind es sowieso. Shia LaBoeuf spielt Sean, der so gerne Vater werden wollte, mit stiller Verzweiflung. Zerbrechlich schön und dabei von unfassbarer Energie: Hollywoodstar Ellen Burstyn als Marthas Mutter, übergriffig, und überzeugt davon, das Richtige zu tun. Vor allem aber die britische Schauspielerin Vanessa Kirby: sie trägt diesen Film, so kraftvoll und ohne Rückhalt, wie sie sich ihre Figur zu eigen macht.

Meisterstück

Diese Geschichte einer Frau erzählt viel über Leben und Sterben. Über Tabus. Darüber, wie nicht verarbeitete Erlebnisse das Leben prägen. Und sie erzählt viel von dem Mut des ungarischen Regisseurs Kornél Mundruczó und seiner Partnerin, der Drehbuchautorin Kata Weber. Sie verarbeiten in "Pieces of a Woman" auch eigene Erfahrungen.

Ihr Film ist ein Meisterstück, allein schon wegen der 20-minütigen Eingangssequenz. 20 Minuten, in denen das an sich Unerzählbare – eine Geburt – ohne jeden Voyeurismus abgebildet und damit tatsächlich irgendwie begreifbar gemacht wird. Nicht jeder wird das in seiner Wucht ertragen. Ertragen wollen. Doch vergessen wird man es nicht mehr.

Christine Deggau, rbbKultur

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