PJ Harvey in Seamus Murphys Film "A Dog Called Money"; © Seamus Murphy
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Dokumentarfilm - "PJ Harvey. A Dog Called Money"

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Die einen reisen so, die anderen anders. Für die Musikerin PJ Harvey war die Reise durch Kriegsgebiete an der Seite von Regisseur Seamus Murphy vor allem auch künstlerischer Input. Daraus hervorgegangen ist ein Foto-Gedichtband, das Album "The Hope Six Demolition Project" und ein Dokumentarfilm: "PJ Harvey. A Dog Called Money". Jetzt kann man diesen Film im Salzgeber-Club anschauen.

Polly Jean Harvey. 51 Jahre alt. Beruf: Musikerin, Indie-Ikone. Wohnhaft in London. Musik macht sie seit 1992, unter anderem mit Nick Cave, ihrem damaligen Geliebten. Seit 1993 arbeitet sie als Solo-Künstlerin, sechsmal nominiert für den Grammy, experimentierfreudig, lässt sie sich auf keinen Stil festlegen. Unverkennbar ist allein ihre Stimme. PJ Harvey, wie sie sich nennt, ist auch Bildhauerin und Illustratorin und manchmal steht sie als Schauspielerin vor der Kamera. Diese biografischen Eckdaten skizzieren die Vielseitigkeit der Britin, ihre Offenheit. Konkret spielen sie in dem Film "PJ Harvey. A Dog Called Money" aber keine Rolle, hier ist PJ Harvey vor allem eine nachdenkliche Reisende.

Eine lange Reise durch Kriegsgebiete

2015 begleitet PJ Harvey ihren Freund, den irischen Fotographen und Filmemacher Seamus Murphy, auf einer langen Reise durch Kriegsgebiete, in denen er schon oft, sie aber noch nie war. Der Kosovo, Afghanistan. Vor seiner Kamera entdeckt PJ Harvey fremde Welten, die sie fragend versucht zu begreifen.

Die Dokumentation beginnt mit dem Gesicht eines Kindes, das seine Nase an einer Glasscheibe plattdrückt. Zerschlissen die Jacke, dreckig die Wangen. Man spürt die Armut, spürt den Tod. Fragt sich, wo sind wir? In Syrien, Afghanistan, Iran? Es ist nicht wichtig. Das Elend, das der Krieg hinterlässt, ist überall dasselbe. Verlassene Dörfer, weite Landschaften. "Ruinen, die aussehen wie Grabsteine. Wer hat hier gelebt? Wo sind sie, die Menschen?"

Zurückhaltender Respekt, ein Lächeln und vor allem Musik

Wir sehen der Künstlerin zu, wie sie durch zerstörte Häuser und Straßen läuft, mit fremden Menschen, deren Sprache sie nicht kennt, in Kontakt tritt. Mit zurückhaltendem Respekt, einem Lächeln und immer wieder und vor allem durch die Musik. Diese Menschen wissen nicht, dass PJ Harvey eine der erfolgreichsten Künstlerinnen Großbritanniens ist, sehen diese schmale langhaarige Frau, die sich zu ihnen setzt, ihnen zuhört, mit ihnen musiziert - für diesen Moment zu einer der ihren wird. Und genau darum geht es. Genau diese Momente sammelt PJ. Hält sie gedanklich fest. Und macht daraus Musik.

Das Bild der alten Frau, die ihre Toten sucht. Was hat sie gesehen, was sie nie vergessen, worüber sie nie wird sprechen können?

PJ Harvey transformiert das Gesehene in Worte und Melodien

Wie bewegt man sich durch diese zerstörten Welten, ohne zur Voyeurin zu werden? PJ Harvey nimmt diese Bilder und Begegnungen, die sie selbst nicht loslassen, transformiert das Gesehene in Worte und Melodien - ohne es sich anzueignen. Sie formt Neues daraus. Und manchmal auch andersherum: da findet ihre Musik Eingang in das Leben der anderen.

Da ist die Musik, die aus den Eindrücken entsteht, das Album, das sie 2016 nach der Reise in London aufnehmen will. Und da ist die Idee, die Musikaufnahme selbst als Kunst-Performance umzusetzen: Zuschauer sollen den Prozess der Entstehung live begleiten können. Eigens wird in London ein Studio errichtet, das dem Publikum ermöglicht zuzuschauen. Unsichtbar für die Musiker, die durch eine Spiegelwand getrennt sind. Auch hier ist Seamus Murphy mit seiner Kamera mittendrin.

Realität wird zur Kunst

Schon das ist spannend genug. Der Weg aber, der bis hierher geführt hat, die scheinbar lose aneinandergereihten filmischen Impressionen, die wie dahingeworfenen Gedanken während der Reise – intim, poetisch und ohne jede Überheblichkeit – dieser Weg beschreibt einen künstlerischen Prozess, der an sich schon mehr als ungewöhnlich ist.

Natürlich erzählt er auch viel über PJ Harvey und ihre Musik, die man so ganz neu kennenlernt. Doch geht es um mehr. Diese Dokumentation zeigt, wie Realität zur Kunst wird und das ist das eigentliche Ereignis.

Christine Deggau, rbbKultur

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