Filmstill "Albatros" von Xavier Beauvois, Wettbewerb Berlinale 2021 (Quelle: Guy Ferrandis)
Guy Ferrandis
Bild: Guy Ferrandis Download (mp3, 6 MB)

Berlinale 2021 | Wettbewerb - "Albatros"

Bewertung:

Schauspieler Xavier Beauvois hat sich schon öfter als interessanter Regisseur hervorgetan - unter anderem in "Eine fatale Entscheidung" und "Von Menschen und Göttern". Im Wettbewerb der Berlinale läuft sein neuestes Regiewerk "Albatros".

An der idyllisch rauen Felsküste der Normandie werden Hochzeitsfotos eines Paares aufgenommen, die Stimmung ist unbeschwert, die Kulisse wildromantisch - doch plötzlich ein Knall, ein Männerkörper schlägt direkt neben dem Paar auf dem Sand auf.

Alltag auf einer ländlichen Polizeiwache

Selbstmorde sind hier keine Seltenheit, Routine für die lokale Gendarmerie und den Polizisten Laurent (Jérémie Renner). In den nächsten rund 40 Minuten ist er im Alltag zu erleben, zuhause mit der Familie und auf der Wache bei der Arbeit, wo er es mit Unfällen, Drogen unter den Jugendlichen, Missbrauchsfällen in der Familie zu tun hat, aber auch mal mit einem aufgebrachten Bauern, der sich von Polizisten und Tierschutzbehörden drangsaliert fühlt, obwohl er nur 350 Euro im Monat verdient und das ohne Wochenende und Ferien.

Menschliches Drama

Zunächst entwirft Beauvois ein sehr genaues und nüchternes Bild dieser strukturschwachen Region. Doch das ist nur die Grundierung für ein viel größeres menschliches Drama. Der junge Bauer im Clinch mit den Behörden schnappt sich ein Gewehr und haut ab. Alle fürchten, dass er Selbstmord begeht. Ein paar Tage später kommt es zum Schusswechsel, Laurent will den Selbstmord verhindern, schießt dem jungen Bauern ins Bein, trifft aber eine Arterie und er verblutet noch vor Ort.

Großer Aufruhr, polizeiliche Ermittlung, wütenden Bauern, denen der "Polizistenmörder" ein Ventil für ihre Wut gibt. Laurent selbst, der bisher als bedachter, einfühlsamer und gar nicht schießwütiger Polizist zu sehen war, ist wie betäubt, verschließt sich, redet mit niemandem.

Der Polizist und das Meer

Dann weitet sich der Film, aus dem grauen Alltag auf dem Land geht es hinaus aufs Meer, in Wind und Wetter, in Sonne, Sturm und Nebel, in grandiosen Lichtverhältnissen mit weiten Horizonten, aber auch mit dramatisch lebensbedrohlichen Situationen.

Eine im Grunde ganz klassische Geschichte vom Mann und dem Meer bekommt hier eine sehr tiefe, auch therapeutische Dimension und ist dabei ohne Pathos sehr zurückhaltend aber ökonomisch auch intensiv erzählt.

Anke Sterneborg, rbbKultur

weitere rezensionen

A Sun – mit Chen Yi-wen und Liu Kuan-Ting; © dpa/Netflix/Everett Collection
dpa/Netflix/Everett Collection

Familiendrama - "A Sun"

Zwei junge Männer brettern auf einem Moped durch die Stadt, es regnet in Strömen, es ist Nacht. Sie halten an, betreten durch den Hintereingang eine Großküche. Und hier geschieht in Sekundenschnelle ein grausames Attentat. Einer der beiden Motorradfahrer zieht eine Axt hervor und hackt einem jungen Mann aus der Küche die Hand ab – die fliegt durch den Raum und versinkt langsam im Suppentopf ... Wer denkt, es handelt sich hier um ein "Splattermovie", liegt falsch.

Bewertung:
Pure: Marnie (Charly Clive, M.) kämpft mit ihrer Zwangsstörung, welche ihr Leben mit ihren Freunden Amber (Niamh Algar, l.), Joe (Anthony Welsh, 2.v.l.), Charlie (Joe Cole, 2.v.r.) und Shereen (Kiran Sonia Sawar, r.) äußerst erschwert.; © ZDF/Phil Fisk
ZDF/Phil Fisk

Berührend-komische Dramaserie - "Pure"

Viele Menschen leiden unter Zwangsneurosen, die ihren Alltag in einen Alptraum verwandeln - aber wahrscheinlich können nur die Briten daraus eine Serie machen, die zugleich entwaffnend ehrlich und sehr empathisch und trotzdem auch noch komisch ist. Die sechsteilige Serie "Pure" basiert auf dem gleichnamigen autobiografischen Roman von Rose Cartwright und wurde 2019 von HBO produziert.

Bewertung:
Szene aus dem Film "Corpus Christi"
Arsenalfilm

Filmdrama - "Corpus Christi"

Das polnische Kino hat in den letzten Jahren einen enormen Aufschwung erlebt: Junge Filmemacher*innen sind in die Fußstapfen von Pawel Pawlikowski getreten, der 2015 den Oscar für seinen Film "Ida" gewann. Jan Komasa beispielsweise, Jahrgang 1981, wird als neuer Shooting Star des polnischen Kinos gefeiert. Sein Film "Corpus Christi" über einen jungen Strafgefangenen, der unbedingt Priester werden will, ist eine spannende Auseinandersetzung über Fragen von Glauben und Identität.

Bewertung: