Berlinale 2021 | Ballad of a White Cow © Amin Jafari
Amin Jafari
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Berlinale 2021 | Wettbewerb - "Ballad of a White Cow"

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Ein Mann wird fälschlicherweise als Mörder hingerichtet, seine Frau muss mit den Konsequenzen leben. Ist ein solches Unrecht jemals wieder gut zu machen? In Behtash Sanaeehas und Maryam Moghaddams Drama "Ghasideyeh gave sefid" ("Ballad of a White Cow") geht es um grundlegende Fragen von Schuld und Sühne – und um die Defizite eines Rechtssystems, das im 21. Jahrhundert noch immer auf der Scharia beruht.

Nach der Hinrichtung ihres Ehemanns Babak wachsen Mina (Maryam Moghaddam) die Probleme über den Kopf: Das Geld reicht hinten und vorne nicht, Bita (Avin Purraoufi), ihre taubstumme Tochter, rebelliert in der Schule und die Familie ihres toten Ehemanns will ihr sogar das Sorgerecht für das Kind entziehen. Als Mina eines Tages die Nachricht erhält, dass Babak zu Unrecht verurteilt worden ist, bricht ihre Welt endgültig zusammen.

Ein Unbekannter wendet das Blatt

Erst als ein Unbekannter in ihr Leben tritt, wendet sich das Blatt: Reza (Alireza Sanifar) behauptet, ein alter Freund ihres verstorbenen Mannes zu sein und diesem noch eine größere Menge Geld zu schulden. Er unterstützt Mina und hilft ihr, eine neue Wohnung zu finden, als sie von ihrem Vermieter gekündigt wird. Die Witwe, anfangs noch misstrauisch, taut immer mehr auf und beginnt, neuen Lebensmut zu schöpfen. Doch Reza trägt ein dunkles Geheimnis mit sich herum, das die beiden aneinanderbindet und ihr zartes Glück bedroht …

Die weiße Kuh als mehrdeutiges Symbol

Die weiße Kuh, die ganz zu Beginn des Films in der Mitte eines Gefängnishofs gezeigt wird, ist gleich in mehrerer Hinsicht bedeutsam: Sie steht als Metapher für einen Unschuldigen, der sterben muss. Die Kuh ist aber auch ein Opfertier in vielen Religionen – und sie dient in der Scharia als Entschädigung für erlittenes Unrecht. Im Koran gibt es eine "Kuh-Sure", die festlegt, welche Form der Kompensation einem Geschädigten zusteht.

Ein filmisches Denkmal für die eigene Mutter

Mina aber weigert sich, die ihr angebotene Entschädigung zu akzeptieren: Sie will keine Wiedergutmachung, sie will ihr Recht - und sie will eine Entschuldigung der Verantwortlichen.

Maryam Moghaddam gibt ihrer Figur eine stille kämpferische Würde. Ihr Spiel ist eine Verbeugung vor ihrer eigenen Mutter, die ein ähnliches Schicksal wie Mina erleiden musste.

Das Schicksal der Frau in der misogynen Gesellschaft

"Ballad of a White Cow" ist Behtash Sanaeehas und Maryam Moghaddams erster gemeinsamer Spielfilm, nachdem die beiden zuvor schon als Dokumentarist*innen und Drehbuchautor*innen zusammengearbeitet haben. Der Film erzählt vom Schicksal der iranischen Frauen in einer misogynen Gesellschaft. Er richtet sich aber auch an alle diejenigen, die unter der Scharia, dem strengen Rechtssystem des islamisch regierten Landes leiden.

Täter und Opfer – alle zerbrechen an der Schuld

Stellenweise wirkt "Ballad of a White Cow" wie die Fortsetzung des Berlinale-Gewinner aus dem vergangenen Jahr: "There is no evil", Mohammad Rasoulofs Episodenfilm, der in 4 Kapiteln die Unmenschlichkeit der Todesstrafe anprangerte. Doch in Rasoulofs Film gab es zumindest für einige der Protagonisten einen Funken Hoffnung.

Bei Sanaeeha und Moghaddam hingegen scheinen Vergebung und Sühne ausgeschlossen: Am Ende zerbrechen alle an der Schuld: Täter und Opfer.

Carsten Beyer, rbbKultur

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