Katia Pascariu in einer Szene des Berlinale-Gewinnerfilms "Babardeala cu buclucsau porno balamuc" (Bad Luck Banging or Loony Porn) (Bild: dpa/microFilm/Berlinale)
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Filmfestival im Ausnahmezustand | Gewinner und Verlierer - Berlinale: Die Wettbewerbsfilme 2021

Fünf Tage Berlinale im Ausnahmezustand gehen heute zu Ende. Um 12:00 Uhr haben Festivalleiter Carlo Chatrian und die sechs Mitglieder der Jury, allesamt frühere Gewinner*innen des Goldenen Bären, die Silber- und Goldpreise verkündet.

Mehrfach erinnerte Carlo Chatrian hier auch daran, dass dies nicht die Preisverleihung, sondern nur die Bekanntgabe der Preisträger sei: "This is not the Award Ceremony, I want to see you all back in june under the sun of Berlin."

Schauspielerin Maren Eggert im Film "Ich bin dein Mensch". Bild: promo
Bild: Promo-Material

Vorerst also noch keine emotionalen Reaktionen, keine bewegenden Dankesreden - mal abgesehen von Maren Eggert, die sich für den silbernen Bären als beste Hauptdarstellerin in "Ich bin dein Mensch" sehr schnell nach der Bekanntgabe der Preise via YouTube bedankte.

Die Kraft zwischenmenschlicher Beziehungen

Obwohl die Filmproduktionen weltweit durch das Virus ausgebremst wurden, war es ein starker Jahrgang, mit einer Menge beeindruckender, berührender Filme. Und es stimmt auch, was Carlo Chatrian bei der Vorstellung des Programms gesagt hat: In dieser Zeit der Krise setzen viele Filmemacher*innen auf die Kraft zwischenmenschlicher Beziehungen, auf kleine, intimere Geschichten.

Goldener Bär für "Bad Luck Banging and Looney Porn"

Zumindest den Goldenen Bären aber hat einer der schrillsten Filme dieses Festival-Jahrgangs gewonnen, die vergnüglich böse Politsatire "Bad Luck Banging and Looney Porn" von Radu Jude.

Filmstill "Bad Luck Banging or Loony Porn"" von Radu Jude, Wettbewerb Berlinale 2021 (Quelle: Silviu Gethie/MicroFilm)
Bild: Silviu Gethie/MicroFilm

Die Geschichte einer Lehrerin, die sich vor einem Eltern-Tribunal verteidigen muss, weil ihr privates Sexvideo im Netz kursiert, nimmt die rumänische Geschichte, Gesellschaft und Politik aufs Korn, thematisiert Rassismus, Homophobie, Sexismus, Antisemitismus - allesamt Themen, die auch über Rumänien hinaus relevant sind.

Auch der Preis für die beste Regie ging an einen Regisseur, der die dramatischen Krisen und Kriege der Welt behandelt - an den Ungarn Dénes Nagy. Sein Regiedebüt "Natural Light" ist ein Kriegsfilm, der über die konkrete Situation von der er erzählt hinausweist und trotz Krieg zu den eher leiseren, aber auch sehr düsteren Filmen gehört.

Berlinale 2021 | Wheel of Fortune and Fantasy © 2021 Neopa/Fictive
Bild: 2021 Neopa/Fictive

Leise Töne und genaue Blicke

Einer der ganz großen Favoriten war der japanische Film "Wheel of Fortune and Fantasy" von Ryûsuke Hamaguchi, nun ausgezeichnet mit dem Silbernen Bären, Großer Preis der Jury.

Im Grunde sammelt der Regisseur in drei Episoden intime Gespräche über Liebe und Erotik, geführt von einander fremden Menschen, an unspektakulären Orten wie nüchternen Büros und Wohnungen. Doch durch die Nuancen des Schauspiels und die vielschichtige Kraft der Worte entsteht große filmische Kraft und sinnliche Intensität.

Hauptdarsteller und Nebendarsteller, statt Schauspieler und Schauspielerin

Erstmals wurden die Schauspielpreise dieses Jahr geschlechtsunabhängig vergeben, statt Schauspielerin und Schauspieler wurde die beste Darstellung in einer Haupt- und in einer Nebenrolle vergeben - und prompt haben zwei Frauen gewonnen: Lilla Kizlinger hat den Film "Forest - I See You Everywhere" mit einer außerordentlich starken, berührenden Szene ganz und gar durchlässig und verletzlich eröffnet, so intensiv, dass man sie in den folgenden sechs Episoden schmerzlich vermisst hat.

Filmstill "Ich bin dein Mensch" von Maria Schrader, Wettbewerb Berlinale 2021 (Quelle: Christine Fenzl)
Bild: Christine Fenzl

Den Preis für die beste Hauptdarstellerin hat Maren Eggert für ihre Beziehung zu einer Künstlichen Intelligenz in "Ich bin dein Mensch" bekommen, für die besondere Art, in der sie sich langsam vom Weg des Verstandes und der Wissenschaft abbringen lässt, und sich zunehmend verwirren und verführen lässt.

Ihre Auszeichnung ist dann auch eine Art Trostpreis für die so kluge wie komische Science Fiction-Geschichte über die Liebe zwischen Roboter und Mensch.

Herr Bachmann und seine Klasse © Madonnen Film
Herr Bachmann und seine KlasseBild: Madonnen Film

Starker Auftritt deutscher Filme

Ein hoher Prozentsatz der Wettbewerbsfilme kam dieses Jahr aus Deutschland, fünf Filme, also ein glattes Drittel des gesamten Programms. Ein Silberner Bär, Preis der Jury, ging an Maria Speths Langzeitdokumentation "Herr Bachmann und seine Klasse", über die Arbeit eines einfühlsamen und engagierten Lehrers mit Integrationskindern.

Jurorin Ildiko Enyedi, eine von sechs früheren Gewinner*innen des Goldenen Bären, würdigte ihn in der Jurybegründung mit wunderbaren Worten:

"Der Film zeigt, wie weit man es allein mit echtem Respekt, offenem Austausch und dem Zaubertrick bringen kann, den alle großartigen Lehrer*innen beherrschen: sie entfachen das Feuer der Leidenschaft in ihren Schüler*innen, indem sie ihre Fantasie anregen."

Verlierer

Nicht jeder Film kann gewürdigt werden, in jedem Festivaljahrgang müssen Filme zu Unrecht leer ausgehen. Dazu gehört in diesem Jahr die Kästner-Verfilmung "Fabian oder Der Gang vor die Hunde" von Dominik Graf - ein Film, der auf kluge und vielschichtige Weise eine Brücke von der Vergangenheit der Weimarer Republik in die Gegenwart schlägt und dabei eine flirrende Liebesgeschichte erzählt, in der Tom Schilling und Saskia Rosendahl durchaus Kandidaten für Schauspielerpreise waren.

Berlinale 2021: Nebenan © © Reiner Bajo
Bild: Reiner Bajo

Ebenso wie Peter Kurth, der in dem Kneipenkammerspiel "Nebenan", dem Regiedebüt des Schauspielers Daniel Brühl, ganze Lebenswelten über sein Gesicht ziehen lässt.

Auch Celine Sciammas "Petite Maman" erzählte eine kleine, bestechende Geschichte über die Ferienfreundschaft von zwei achtjährigen Mädchen, die so ernsthaft und poetisch wie spielerisch ausloten, dass sie Mutter und Tochter sind, und was für Fragen sie aneinander hätten.

Berlinale 2021 | Ballad of a White Cow © Amin Jafari
Bild: Amin Jafari

Xavier Beauvois Geschichte vom Alltag eines Polizisten, der letztlich unschuldig zum Schuldigen wurde in "Albatros" und schließlich der iranische Film "Ballad of a White Cow", in dem Behtash Sanaeeha und Maryam Moghaddam die Fäden weiterspinnen, die Mohammad Rasoulof in seinem Goldbären-Gewinnerfilm "There is no Evil" im letzten Jahr ausgebreitet hat.

Auch sie loten die Folgen der Todesstrafe, ihre weitreichenden Konsequenzen für Täter wie Opfer aus, auch dieser Film lebt von der besonderen, ruhigen Intensität des iranischen Kinos, in dem die Wahrheit zur Schmuggelware wird.

Filme und Festival in Pandemiezeiten

Fast alle Filme wurden im letzten Jahr von der Pandemie ausgebremst, zumindest in der Postproduktion. Nur ein einziger Film zeigt die Welt unter den Bedingungen der Pandemie, die Allgegenwärtigkeit des Virus mit Menschen, die überall Masken tragen - und das war der Gewinner des Goldenen Bären "Bad Luck Banging and Looney Porn".

Gianfranco Rosi, Ildiko Enyedi, Jasmila Zbanic und Adina Pintilie (v.l.n.r.) von der Internationalen Berlinale Jury 2021 © Alexander Janetzko/Berlinale 2021
Gianfranco Rosi, Ildiko Enyedi, Jasmila Zbanic und Adina Pintilie (v.l.n.r.) von der Internationalen Berlinale Jury 2021Bild: Alexander Janetzko/Berlinale 2021

All diese Filme waren eigentlich für die große Leinwand gedacht, das haben Carlo Chatrian und die Mitglieder der Jury bei der Verkündung der Bärengewinner*innen noch einmal bekräftigt. Digitale Festivals sind eine Notlösung, in Berlin haben sie die Sehnsucht nach dem Kino noch einmal verstärkt.

Aber vielleicht hat die Pandemie den Blick auch geschärft, so dass man jetzt ein bisschen genauer und aufmerksamer in den Landschaften der Gesichter liest.

Das gilt für die Filmemacher*innen genauso wie für die Zuschauer*innen. Bestes Beispiel: der Bärengewinner-Film "Wheels of Fortune and Fantasy", der gut unter Beachtung der Corona-Regeln entstanden sein könnte. In der letzten von drei Episoden gibt es da ein Virus, das die Welt nachhaltig verändert und zum Innehalten gezwungen hat. Allerdings ist das nicht biologisch, sondern digital. Wegen eines Mega-Hacks musste das Internet weltweit abgestellt werden.

Anke Sterneborg, rbbKultur

weitere rezensionen

Herr Bachmann und seine Klasse © Madonnen Film
Madonnen Film

Berlinale 2021 | Wettbewerb - "Herr Bachmann und seine Klasse"

Wie sieht Schulunterricht aus, bei dem Integration nicht nur versprochen, sondern wirklich praktiziert wird? Diese Frage versucht Maria Speth in ihrem Dokumentarfilm "Herr Bachmann und seine Klasse" zu beantworten. Ein halbes Jahr lang hat sie die Schüler der 6b an der Georg-Büchner-Schule in Stadtallendorf, einer hessischen Kleinstadt mit hohem Migranten-Anteil, mit der Kamera begleitet. Und sie hat einen Lehrer kennengelernt, der das Kunststück beherrscht, keinen zurückzulassen.

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Filmstill: "Una Película de Policías" von Alonso Ruizpalacios, Wettbewerb Berlinale 2021. (Quelle: No Ficcion)
No Ficcion

Berlinale 2021 | Wettbewerb - "Una película de policías"

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Bewertung:
Berlinale 2021 | Wheel of Fortune and Fantasy © 2021 Neopa/Fictive
2021 Neopa/Fictive

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Nach vielen Filmen aus Deutschland und Europa zum Schluss noch ein Ausflug auf einen fernen Kontinent, nach Japan: "Genießen Sie es, sich von der Unvorhersehbarkeit der Welt überraschen zu lassen", fordert Regisseur Ryûsuke Hamaguchi die Zuschauer auf und entfaltet drei Episoden zum Thema Glück und Fantasie.

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