Szene aus dem Film "Corpus Christi"
Arsenalfilm
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Filmdrama - "Corpus Christi"

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Das polnische Kino hat in den letzten Jahren einen enormen Aufschwung erlebt: Junge Filmemacher*innen sind in die Fußstapfen von Pawel Pawlikowski getreten, der 2015 den Oscar für seinen Film "Ida" gewann. Jan Komasa beispielsweise, Jahrgang 1981, wird als neuer Shooting Star des polnischen Kinos gefeiert. Sein Film "Corpus Christi" über einen jungen Strafgefangenen, der unbedingt Priester werden will, ist eine spannende Auseinandersetzung über Fragen von Glauben und Identität.

Die Haare raspelkurz geschnitten, der muskulöse Körper von Blessuren übersät und auf dem Bizeps vulgäre, schlecht gemachte Tattoos: Daniel (Bartosz Bielenia) ist ein junger Mann, dem man ansieht, dass er es nicht leicht gehabt hat in seinem bisherigen Leben. Und doch ist da ein Leuchten in seinen Augen, das ihn von den anderen Gefangenen im Warschauer Jugendknast unterscheidet: Der junge Mann hat in seiner Haftzeit zum Glauben gefunden – und er will diesen Glauben unbedingt mit anderen Menschen teilen.

Keine Chance für Ex-Häftlinge

Daniels spirituelle Erleuchtung ist auch dem Gefängnis-Pfarrer (Łukasz Simlat) nicht entgangen, dem der junge Mann als Messdiener assistiert. Trotzdem schlägt er Daniel die Bitte ab, ihm bei der Aufnahme in ein Priester-Seminar zu helfen, mit der Begründung, dass Ex-Häftlinge dort keine Chance hätten.

Doch Daniel lässt sich nicht von seiner Idee abbringen – auch ohne Ausbildung. Nach seiner Entlassung zieht er eine alte Soutane an, stellt sich in einer kleinen Provinzgemeinde als durchziehender Wanderpater vor – und bekommt tatsächlich schon bald seine Chance: Der Dorfpfarrer (Radoslaw Ciucias) muss wegen seiner Alkoholprobleme zur Kur und sucht nach einer diskreten Vertretung.

Corpus Christi: Daniel (Bartosz Bielenia); © Arsenal Filmverleih
Bild: Arsenal Filmverleih

Der gefallene Engel

Der junge Ex-Sträfling, der plötzlich als Seelsorger vor einer Gemeinde steht und dabei gar keine schlechte Figur abgibt, das wäre eigentlich Stoff für eine Komödie – mit Seitenhieben auf die katholische Kirche, die in Polen noch immer eine wichtige gesellschaftliche Rolle spielt. Doch Regisseur Jan Komasa geht es um etwas Anderes. Er beschäftigt sich in "Corpus Christi" mit Grundfragen des Glaubens, der Identität und der Nächstenliebe: Sein Daniel ist der gefallene Engel, der vor die Menschen tritt und ihnen mit seinem unkonventionellen Auftreten einen Spiegel vorhält.

Großartiger Hauptdarsteller

Dass Komasas Film nicht ins Pathos abrutscht, liegt vor allem an seinem großartigen Hauptdarsteller: Bartosz Bielenia zeigt mit facettenreichem Spiel die ganze Widersprüchlichkeit des jungen Möchtegern-Seelsorgers: Wie er mit nacktem Oberkörper vor seinem Pfarrhaus tanzt, Bier und Zigarette in der Hand, und für einen Moment ganz in seiner Techno-Musik versinkt, nur um dann im nächsten Moment einer Sterbenden die letzte Beichte abzunehmen.

Corpus Christi: Daniel (Bartosz Bielenia) betet; © Arsenal Filmverleih
Bild: Arsenal Filmverleih

Wie er versucht, die eigenen Sehnsüchte und Begierden mit seiner neuen Rolle in Einklang zu bringen. Und wie er am Ende einem dunklen Geheimnis auf die Spur kommt und dabei erkennen muss, dass es nicht Gottes Wort ist, das in der Gemeinde wirklich zählt, sondern das des Bürgermeisters (Leszek Lichota).

Nicht Gottes Wort zählt, sondern das des Bürgermeisters

"Corpus Christi" ist ein starker Film mit einem überragenden Hauptdarsteller – ein Film, der zwar nicht die Kirche an sich in Frage stellt, aber sehr wohl das, was die Menschen aus ihr gemacht haben. Dass dieser Film im katholischen Polen vielfach ausgezeichnet wurde, gibt Hoffnung. Vielleicht denken unsere Nachbarn weit weniger dogmatisch, als wir es in Deutschland manchmal wahrhaben wollen.

Carsten Beyer, rbbKultur

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