Berlinale 2021 | Forest – I See You Everywhere © Ákos Nyoszoli, Mátyás Gyuricza 
Ákos Nyoszoli, Mátyás Gyuricza
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Berlinale 2021 | Wettbewerb - "Forest - I See You Everywhere"

Bewertung:

Eine Tochter, die ihren Vater für den Tod ihrer Mutter verantwortlich macht, ein kinderloses Paar mit einem traurigen Geheimnis im Schrank und eine Frau, die ihrem todkranken Mann am Vorabend einer schweren Operation die Hörner aufsetzt – ausgerechnet mit seinem Sohn. Für die Charaktere in Bence Fliegaufs Episoden-Film "Rengeteg – mindenhol látlak" ("Forest – I see you everywhere") ist Empathie ein Fremdwort. Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – schaut man ihnen gebannt zu.

Mit einer ausgefeilten Powerpoint-Präsentation will ein Mädchen (Lilla Kizlinger) seinen Vater davon überzeugen, dass er den Tod der Mutter auf dem Gewissen hat. Hätten die Eltern sich nicht gestritten – damals, am Weihnachtsabend vor 3 Jahren, hätte der Vater der Mutter wie gewünscht ihre Winterreifen aufgezogen, dann wäre sie nicht bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Mit dieser Präsentation will sie nach den Weihnachtsferien vor ihre Klasse treten, droht die junge Frau.

Und der Vater? Schweigt zu den Vorwürfen und schimpft stattdessen über den Psychotherapeuten seiner Tochter …

Fortsetzung nach 18 Jahren

Die Geschichte dieses Familienstreits ist die erste von insgesamt sieben Episoden, die Bence Fliegauf in seinem jüngsten Film zu einem bitterbösen Psycho-Kaleidoskop montiert hat. In "Rengeteg – mindenhol látlak" setzt der ungarische Regisseur fort, was er in seinem allerersten Berlinale- Film "Rengeteg" (Internationales Forum des jungen Films, 2003) begonnen hat: einen filmischen Blick in die Abgründe der menschlichen Seele.

Sieben Episoden

Ein alter Mann (István Lénárt) sitzt leblos in seinem Sessel – doch ist er wirklich tot? Ein Ex-Junkie (Mihály Vig) droht eine bevorstehende Operation nicht zu überleben, doch seine Angehörigen lässt das kalt. Ein anderer Mann spricht intensiv mit seinem Kleiderschrank, in dem er ein dunkles Geheimnis bewahrt. Und eine junge Frau muss sterben, weil sie ihren Brustkrebs lieber von einem Wunderheiler aus dem Internet behandeln lässt als von der Schulmedizin. Hat der Wunderheiler nun auch den Tod verdient?

Düsteres Menschenbild

Zwischen den einzelnen Episoden von "Rengeteg – mindenhol látlak" gibt es keinen inhaltlichen Zusammenhang. Was sie vereint, ist lediglich ein vergleichbar düsteres Menschenbild. Fieberhafte Monologe, Boshaftigkeit und Eifersucht dominieren das Setting, dazu eine Mischung aus scheinbar willkürlichen Innenaufnahmen und Close-ups von verzerrten Gesichtern.

Ein wenig Lockerung verschafft nur eine Episode, in der ein 13-jähriger Junge (großartig: Bence Fliegaufs Sohn Janos) seiner tiefreligiösen Mutter (Eszter Balla) erklärt, warum er nicht an Gott glaubt.

Zu viel dunkle Schokolade

Bence Fliegauf ist ein Perfektionist. In seinen Filmen überlässt er nichts dem Zufall: Drehbuch, Produktion, Casting und Design – alles hat er übernommen. Sogar die Musik in "Rengeteg – mindenhol látlak" stammt von ihm. Doch was im Detail der einzelnen Episoden wunderbar funktioniert, wird über die Gesamtlänge des Films ermüdend. Etwas mehr innerer Zusammenhang, eine erzählerische oder thematische Klammer hätten es dem Zuschauer leichter gemacht. Was bleibt, ist ein bitterer Nachgeschmack – wie nach dem Genuss zu viel dunkler Schokolade.

Carsten Beyer, rbbKultur

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