Herr Bachmann und seine Klasse © Madonnen Film
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Berlinale 2021 | Wettbewerb - "Herr Bachmann und seine Klasse"

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Wie sieht Schulunterricht aus, bei dem Integration nicht nur versprochen, sondern wirklich praktiziert wird? Diese Frage versucht Maria Speth in ihrem Dokumentarfilm "Herr Bachmann und seine Klasse" zu beantworten. Ein halbes Jahr lang hat sie die Schüler der 6b an der Georg-Büchner-Schule in Stadtallendorf, einer hessischen Kleinstadt mit hohem Migranten-Anteil, mit der Kamera begleitet. Und sie hat einen Lehrer kennengelernt, der das Kunststück beherrscht, keinen zurückzulassen.

Dieter Bachmann ist ein Alt-Hippie. Mit seinem Bart, dem gehäkelten Wollkäppi auf dem Kopf und einem ausgewaschenen AC/DC–Sweatshirt wirkt der 65-Jährige wie die Karikatur eines verkrachten 68ers. Lehrer, so wird Bachmann irgendwann im Laufe des Films zu Protokoll geben, ist er nur deshalb geworden, weil er Geld brauchte.

Trotzdem ist dieser Mann ein Glücksfall für seine Schüler*innen. Weil er sie mag. Sie ernstnimmt. Weil er ihnen zuhört, wenn sie von ihren Problemen zu Hause erzählen und weil er keinen zurücklässt. Auch diejenigen nicht, die vor einem halben Jahr noch kaum ein Wort Deutsch sprechen konnten.

Ein Glücksfall für die Schüler

Mehr als 70 Prozent der Einwohner von Stadtallendorf haben eine Migrationsgeschichte. In der 6b kann man diese Geschichten hören: Die Eltern von Dieter Bachmanns Schüler*innen kommen aus der Türkei, aus Bulgarien, Brasilien, Marokko, Kasachstan und Italien. Viele von ihnen arbeiten im städtischen Stahlwerk. Andere sind Bäcker, Lastwagenfahrer oder einfach arbeitslos. Auf der Sonnenseite des Lebens ist hier niemand geboren. Trotzdem sollten auch diesen Kindern alle Chancen offenstehen – jedenfalls wenn es nach Dieter Bachmann geht.

Dreieinhalbstündige Sozialstudie

Ein halbes Jahr lang haben Maria Speth und ihr Kameramann Reinhold Vorschneider die Kinder der Klasse 6b beim Unterricht begleitet. Sie haben mit ihnen beim Mathelernen über die Schulter geguckt, beim Musizieren und Basteln. Bei der Elternsprechstunde waren sie dabei, bei der Weihnachtsfeier und sogar im Landschulheim. Herausgekommen ist eine filmische Sozialstudie, bei der man nicht nur den Lehrer, sondern auch seine Schüler*innen sehr gut kennenlernt.

Unkonventionelle Lehrmethoden

Bachmann hilft seinen Schülern, Minderwertigkeitsgefühle und Ängste zu überwinden. Er sieht sich nicht als reiner "Wissensvermittler", sondern eher als väterlicher Freund. Egal, ob es um Rassismus geht, um Geschlechterrollen oder um Sex vor der Ehe, Bachmann weicht keiner Frage aus – und wenn es mal nicht weitergeht, holt er die Musikinstrumente raus und alle singen ein Lied.

Wie eine gute Seifenoper

Gestreckt auf die Dauer von mehr als dreieinhalb Stunden kann dieser Film auch mal langatmig sein. Mitunter hat das Gutmenschentum von Dieter Bachmann etwas Selbstgefälliges - wie er da mit seiner Gitarre auf der Weihnachtsfeier ankommt und den türkischen Müttern "Knockin' on Heaven’s Door" vorklimpert. Und doch – wie bei einer guten Seifenoper – klinkt man sich als Zuschauer immer wieder ins Geschehen ein, um zu erfahren, wie sich die einzelnen Charaktere entwickeln und ob am Ende tatsächlich alle Schüler*innen die Versetzung schaffen.

Silberner Bär für Maria Speth

"Entre le mur" ("Die Klasse") hieß ein Film über eine ganz ähnliche Schulklasse in Frankreich, mit dem Laurent Cantet 2008 beim Festival in Cannes die Goldene Palme gewann. Maria Speth hat nun auf der Berlinale immerhin den Silbernen Bären bekommen. Filme über gute Lehrer scheinen also im Trend zu liegen. Fehlt nur noch, dass die schulische Integration im "wahren Leben" genauso gut funktioniert wie auf der Leinwand.

Carsten Beyer, rbbKultur

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