Berlinale 2021: Memory Box © Haut et Court - Abbout Productions - Micro_Scope
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Berlinale 2021 | Wettbewerb - "Memory Box"

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Was macht der Krieg mit den Menschen? Und welche Spuren hinterlässt er selbst bei jenen, die ihn gar nicht mehr miterlebt haben? Dieser Frage sind die beiden libanesischen Filmemacher*innen Joana Hadjithomas und Khalil Joreige nachgegangen: In "Memory Box" erzählen sie von der 17-jährigen Alex und ihrer Mutter Maia, die beide auf ganz unterschiedliche Weise an den Traumata des libanesischen Bürgerkrieges leiden.

Maia (Rim Turki) lebt mit ihrer Tochter Alex (Paloma Vauthier) in Kanada, in dem Land, in das sie vor vielen Jahren während des libanesischen Bürgerkriegs geflohen ist. Der Vater, so erfahren wir bereits im Vorspann des Films, hat die Familie verlassen und lebt in Frankreich.

Überraschung am Weihnachtstag

Ausgerechnet am Weihnachtstag bringt der Briefträger ein mysteriöses Paket ins Haus: Eine Kiste mit alten Tagebüchern, Tonbändern und Fotos, die Maia während des Bürgerkriegs an ihre beste Freundin Liza geschickt hat und die nun - nach Lizas Tod - zu ihr zurückkehren. Maia weigert sich zunächst, die "Memory Box" zu öffnen, weil sie nicht die Kraft hat, sich ihren Erinnerungen zu stellen. Ihre Tochter aber kann nicht widerstehen. Als Alex während eines langen Schneesturms zu Hause festsitzt, öffnet sie heimlich die Kiste und erfährt so von der turbulenten Jugend ihrer Mutter im Beirut der 80er Jahre.

Rückgriff auf eigene Erfahrungen

"Memory Box" ist bereits der zehnte gemeinsame Film von Joana Hadjithomas und Khalil Joreige – zwei Dokumentarist*innen, die sich in ihrem Schaffen immer wieder mit den emotionalen Folgen von Kriegstraumata auseinandersetzen. Auch wenn sie diesmal ein erzählerisches und kein dokumentarisches Format gewählt haben, bringen sie trotzdem sich selbst und ihre Erfahrungen als Angehörige der Kriegsgeneration mit ins Spiel: Als Archivmaterial für die Geschichte von Maia und Alex dienten Hefte und Tonbänder, die Hadjithomas zwischen 1982 und 1988 geführt und besprochen hat sowie die Bürgerkriegs-Bilder von Joreige: Fotos einer einstmals blühenden und mittlerweile völlig zerstörten Stadt.

Jeunesse dorée im Luftschutzkeller

Aus verblichenen Fotos, aus handgeschriebenen Tagebucheinträgen und alten Tonbandkassetten montieren Hadjithomas und Joreige eine bunte, schrille und stellenweise kitschige Story, die sich im Wesentlichen um Maias pubertäre Konflikte mit ihren Eltern und ihre Liebe zu dem jungen Radio-DJ Raja (Hassan Akil) dreht. Erst nach und nach mischen sich düstere Vorahnungen in die Bilder einer tanzenden und feiernden Jeunesse dorée: Maias Bruder kommt bei einem Attentat ums Leben, das eigentlich ihrem Vater gegolten hatte, Raja schließt sich einer Bürgerkriegs-Miliz an und Maias Berichte kommen nun immer öfter aus dem Luftschutzkeller, in dem die Nachbarschaft das nächste Bombardement abwartet.

Penetrante Social Media-Ästhetik

Unsere Erinnerungen, ganz egal, wie gut wir sie verdrängt zu haben glauben, kommen immer wieder zu uns zurück. Das ist die zentrale Botschaft von "Memory Box"doch die plumpe Dramaturgie des Films und die penetrante Social Media-Ästhetik machen viel davon wieder kaputt. Aus der Coming of Age-Story einer jungen Frau im bürgerkriegszerrütteten Libanon wird eine Foto-Lovestory im Stile einer billigen Jugendpostille und aus dem Familiendrama um zwei libanesische Frauen eine Seifenoper. Schade.

Carsten Beyer, rbbKultur

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